Umweltministerin Thekla Walker und Landwirtschaftsministerin Marion Gentges berichteten dem Kabinett über die Auswirkungen der außergewöhnlich heftigen Hitze- und Trockenperioden in diesem Jahr. Sie stellten u. a. gemeinsame Konzepte vor, wie Wasser künftig länger und besser in der Fläche gespeichert werden kann, um die Auswirkungen von Dürre zu mildern.
„Der Klimaschutz und die Klimaanpassung gehören zu den drängendsten Aufgaben, um Baden-Württemberg krisenfest zu machen. Die Folgen für Industrie und Landwirtschaft, aber auch für die Gesundheit der Bevölkerung sind jetzt schon besorgniserregend. In Baden-Württemberg wissen wir, dass Klimaschutz und Klimaanpassung Geld kosten, aber kein Klimaschutz ist unbezahlbar. Genau deshalb werden wir die Kommunen mit unserer im Koalitionsvertrag vereinbarten „Klimamilliarde“ unterstützen. Auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien müssen wir jetzt massiv Gas geben. Wir brauchen dringend die Südausschreibung, damit der Windkraftausbau im Land nicht gestoppt wird und damit die Stromkosten sinken. Dafür setze ich mich ein“, sagte Ministerpräsident Cem Özdemir im Anschluss an die Sitzung des Ministerrates.
Im Flächenmittel herrschte im Jahr 2026 über ganz Baden-Württemberg an über 38 Tagen Temperaturen über 30 Grad – und davon an über acht Tagen über 35 Grad. Im bisherigen Rekordjahr 2003 waren es im Durchschnitt „nur“ 24 heiße und fünf sehr heiße Tage. Diese extrem hohen Temperaturen gingen einher mit sehr geringen Niederschlägen. Von Juni bis August wurden im Landesmittel 45 Prozent weniger Niederschlag gemessen als im langjährigen Mittel. 2026 gehört neben 2018 und 2022 zu den markantesten Niedrigwasserjahren der vergangenen Jahrzehnte.
Um den Wasserhaushalt zu stabilisieren, startet das Land Pilotprojekte, um in Kooperation mit der Landwirtschaft die Speicherfähigkeit der Kulturlandschaften zu erhöhen. Durch eine bodenschonende Bewirtschaftung, Rückbau von Drainagen und eine Flurneuordnung, die systematisch auf Wasserbarrieren wie Hecken, Wäldchen und Grünlandstreifen setzt, soll Wasser nicht schnell abfließen, sondern nachhaltig im Boden versickern. Ein erstes Projekt ist im Kraichgau gestartet, ein weiteres soll Anfang 2027 folgen. Ziel ist, die Erkenntnisse landesweit zu nutzen.
Umweltministerin Thekla Walker: „Dieser Sommer hat uns klar und deutlich vor Augen geführt: Wir müssen sorgsamer mit Wasser umgehen. Die Grundwasserneubildung nimmt durch die Erderhitzung bis zur Mitte des Jahrhunderts zwischen 15 und 25 Prozent ab. Bei der Anpassung hilft uns die Natur. Eine naturnahe Gestaltung unserer Gewässer und Böden sorgt dafür, dass die Böden Wasser länger speichern und damit verhindern, dass aus Trockenheit sofort eine Dürre wird.“
Landwirtschaftsministerin Marion Gentges: „Die Land- und Forstwirtschaft ist prozentual gesehen ein sehr geringer Wasserverbraucher. Sie ist vor allem auf Niederschläge angewiesen, die in diesem Jahr ausbleiben. Die Betriebe sind sich seit vielen Jahren den Auswirkungen des Klimawandels bewusst. Deshalb setzen sie zusammen mit der Wissenschaft auf neue Pflanzensorten, innovative Anbaumethoden und vorausschauende Bodenbearbeitung. Dadurch soll Wasser nur gezielt eingesetzt und in der Fläche gespeichert werden.“
Das Land hat die Notwendigkeit der Bewässerung bei sich verändernden Wetterextremen frühzeitig erkannt und ein Förderprogramm für Investitionen in gemeinschaftliche Bewässerungsinfrastruktur in der Landwirtschaft aufgelegt. Ziel der Förderung ist es, die Resilienz landwirtschaftlicher Betriebe gegenüber Extremwetter zu steigern und dadurch die regionale Lebensmittelproduktion sicherzustellen. Es handelt sich hierbei unter anderem um die Erweiterung und den Neubau von Brunnen, Speicherbecken, Netzleitungen und Pumpstationen. Baden-Württemberg fördert als Weinbauland speziell auch Tröpfchenbewässerungsanlagen. Ziel ist es, Trockenstress bei Junganlagen und in extremen Hanglagen abzuwenden. Auch gibt es zusätzliche Prämien für die Pflanzung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten, die robuster gegen Klimastress sind.
Umfassende Trockenhilfen für die Landwirtschaft
Die Situation der Landwirtinnen und Landwirte ist durch die anhaltende Trockenheit des Sommers äußerst angespannt. Im ganzen Land sind Wiesen und Weiden ausgetrocknet. Besonders betroffen sind Tierhalter, die auf Grünfutter, Heu oder Silomais angewiesen sind. Aufgrund der flächendeckenden Knappheit hat das Land frühzeitig Unterstützung für die landwirtschaftlichen Betriebe auf den Weg gebracht. Stillgelegte Flächen können für die Futterproduktion und Beweidung genutzt werden.
Ebenso hat das Landeskabinett die Möglichkeit eröffnet statt einer Begrünung eine Futtermischung auszusähen und den Aufwuchs für Futterzwecke zu verwenden. Die Ausrufung des Katastrophenfalls im Sinne des Ökorechts am 7. August 2026 ermöglichte den Öko-Betrieben den Zugriff auf konventionelles Grünland und den Zukauf von Ackerfuttermitteln. Entsprechende Änderungen sind im FIONA-Antrag noch bis zum 30.09. möglich.
In Abstimmung mit dem Finanzministerium wird das Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat darüber hinaus auch Futtermittelhilfen ermöglichen. Hierfür stehen im Haushaltsjahr 2026 Mittel von insgesamt bis zu fünf Millionen Euro zur Verfügung. Dies sind Hilfen als finanzieller Teilausgleich von Schäden, die durch Trockenheit und Dürre unmittelbar an Futterflächen für Raufutterfresser verursacht wurden. Beihilfefähig wären infolge der Dürre notwendig gewordene Zukäufe von Grundfutter inklusive Transportkosten. Das Antragsverfahren soll im Herbst an den Start gehen. „Die Tierhaltung in Baden-Württemberg ist ein wichtiger Teil unserer regionalen Versorgung und der Wertschöpfungsketten. Wir unternehmen daher alles Machbare, um die Tierhalter im Land in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen“, so Ministerin Gentges.
Erhöhte Waldbrandgefahr
Auch zahlreiche Baumarten zeigten diesen Sommer aufgrund der anhaltenden Trockenheit Stresssymptome auf. Gleichzeitig stieg die Gefahr für Waldbrände. Das strategische und integrierte Waldbrandmanagement des Landes hat sich im Sommer 2026 bewährt und muss daher konsequent fortgeführt und weiterentwickelt werden. Bis zum 1. September wurden in Baden-Württemberg 70 Waldbrände mit rund 53 Hektar Brandfläche registriert. Die Gesamtzahl liegt zwar im langjährigen Durchschnitt, auffällig sind jedoch größere Brände, etwa in Zell am Harmersbach, Steinach und Schramberg. „Die gute Zusammenarbeit von Feuerwehr, Forstverwaltung und örtlichen Landwirten hat wesentlich zur schnellen Bekämpfung der Waldbrände beigetragen. Dafür gilt allen Beteiligten mein besonderer Dank“, betonte Ministerin Gentges.
Der Sommer 2026 im Detail: außergewöhnlich warm und trocken
Auch der August setzte die außergewöhnlich warme und trockene Witterung fort. Mit 21,4 Grad Celsius lag die Durchschnittstemperatur 5,1 Grad über dem Mittel der Referenzperiode 1961 bis 1990 und war damit die zweithöchste seit 1961. Mit 61 Millimetern fiel zugleich 34 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel von 93 Millimetern.
Extremes Niedrigwasser setzte ungewöhnlich früh ein
Bereits ungewöhnlich früh im Jahr breitete sich die Niedrigwasserlage von Südosten her über Baden-Württemberg aus. Zunächst waren vor allem Gewässer in Oberschwaben betroffen. Im weiteren Verlauf erreichten jedoch immer mehr Pegel im Land die höchste Niedrigwasserstufe. Mitte August erreichte die Niedrigwasserlage ihre bislang stärkste Ausprägung. Zeitweise wiesen nahezu alle Pegel in Baden-Württemberg sehr niedrige oder extrem niedrige Wasserstände auf.
Der Rückgang der Grundwasserverhältnisse seit März ist in allen Landesteilen zu beobachten. Lediglich im Jahr 2003 waren die gemessenen Rückgänge noch ausgeprägter. Vereinzelte Niederschläge ab Mitte August dämpften die Entwicklung an einigen gewässernahen Messstellen vorübergehend. Insgesamt hält der Rückgang jedoch weiter an.
Angespannt ist die Niedrigwassersituation insbesondere in Oberschwaben und im Karst der Schwäbischen Alb. Dort sind Quellen besonders stark betroffen. Sinkende Quellschüttungen können vor allem kleinere, nicht vernetzte Gemeinden vor Herausforderungen bei der Trinkwasserversorgung stellen. Gleichzeitig steigt bei Hitze der Wasserverbrauch. In einzelnen Versorgungsgebieten kam es im Sommer 2026 bereits zu Engpässen und Ersatzversorgungen.
Böden: Drei Monate mit sehr geringer Wasserversorgung
Wie ausgeprägt die Bodentrockenheit im Sommer war, zeigt der Trockenheitsindex TrIndex30. Er beschreibt die Zahl der Tage, an denen die Füllung des Bodenwasserspeichers unter 30 Prozent der nutzbaren Feldkapazität liegt. Der Index ist ein wichtiger Indikator für die Wasserversorgung der Pflanzen und ermöglicht Aussagen über Wassermangelsituationen, Trockenstress der Vegetation und einen möglicherweise daraus resultierenden Beregnungsbedarf. Regional waren die Unterschiede erheblich: Der TrIndex30 reichte von 62 Tagen im Landkreis Ravensburg bis zu 112 Tagen im Bereich der Landeshauptstadt Stuttgart.
Kaum Niederschlag lässt Ernte schrumpfen
Baden-Württemberg hat rund 1,38 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche, darunter rund 797.000 Hektar Ackerland, 535.000 Hektar Grünland und 42.000 Hektar Dauerkulturen. Neben der Bewässerung, die aufgrund der hohen damit verbundenen Kosten nur für bestimmte Kulturen und einen kleinen Teil der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Frage kommt, sind die Betriebe vor allem auf Regenniederschläge angewiesen. Diese fehlten in diesem Jahr besonders in der Zeit von Mai bis August.
Im Vergleich zum langjährigen Mittel muss bei Raps, Winterweizen und Sommergetreide mit Mindererträgen von bis 20 Prozent gerechnet werden. Besonders heterogen dieses Jahr waren die Erträge bei Grünland und Mais. In Regionen mit ausgeprägter Trockenheit gab es im Grünland und Mais regionale Ertragsrückgänge von bis zu 50 Prozent. Besonders betroffen sind die Tierhalter im Land, die auf nachwachsendes Grünland angewiesen sind. Viele müssen bereits schon jetzt Heu und Stroh zufüttern, was eigentlich als Vorrat für den Winter dienen soll. Ebenso sind bei den Obst- und Gemüsebauern weitreichende Verluste zu verzeichnen, die keine Möglichkeit zur Bewässerung haben.
Quelle:
Staatsministerium Baden-Württemberg

