Klimaschutz

Klimaschutz im Sport

Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft.

Staatssekretär André Baumann im Gespräch mit "SPORT in BW" über Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Sport.

Stolz schaut Staatsekretär André Baumann aus dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft die SPOBIS-Trophäe an, die sein Ministerium und der Landessportverband Baden-Württemberg für die N!-Charta Sport erhalten haben. „Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema, das geht alle Menschen an“, sagt er im Gespräch mit „Sport in BW“, „und damit auch den Sport. Er ist Teil der Gesellschaft.“

Herr Staatssekretär Baumann, die N!-Charta Sport hat mit dem SPOBIS-Award eine hohe Auszeichnung bekommen. Was bedeutet das für die N!-Charta Sport?

Wie freuen uns sehr über diese Auszeichnung. Wir arbeiten seit vielen Jahren im Bereich der Nachhaltigkeit eng mit dem organisierten Sport, dem Landessportverband Baden-Württemberg und verschiedenen Fachverbänden, zusammen. Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema, das nur die Klimaschutzleute oder Leute in der Bauwirtschaft interessieren sollte, das geht alle Menschen an. Und damit auch den Sport. Er ist Teil der Gesellschaft.

Mit mehr als vier Millionen Mitgliedschaften, das sind etwa 36 Prozent der Bevölkerung Baden-Württembergs.

Ein nicht ganz kleiner Teil. Wenn das Thema Nachhaltigkeit im Vereinsleben eine höhere Bedeutung bekommt und die Mitglieder dies in ihrer Freizeit mitbekommen, dann löst das einen Multiplikationseffekt aus. Außerdem kann es, wie ich von Sportvereinen immer wieder mitgeteilt bekomme, auch extrem bei der Akquise von Ehrenamtlichen im Vorstand helfen. Plötzlich erreicht man eine ganz neue Klientel, die den Sport liebt, aber auch den Klimaschutz für wichtig erachtet.

Das würde den Sportvereinen bei einem seiner drängendsten Herausforderungen helfen.

Auf der anderen Seite können Sportvereine sehr viel für den Klimaschutz tun. Etwa wenn sie die Dächer ihrer Vereinsheime mit Solarpaneelen belegen. Sie können Energie mit LED-Flutlicht einsparen. Sie können Wasser von den Dächern sammeln und damit die Sportplätze oder Tennisplätze bewässern.

In welchen Bereichen müsste die N!-Charta Sport ergänzt bzw. nachgeschärft werden, damit sie fit für die Zukunft ist?

Weil Klimaschutz das ganz große Thema ist, haben wir in der konkreten Umsetzung einen Schwerpunkt auf Recycling und Naturschutz gelegt.

Können Sie das konkretisieren?

Wir haben bei zwei Sportarten ein Mikroplastikproblem. Einerseits im Fußball, aber auch im Reitsport. Kunstrasenplätze sind eine der größten Quellen von Mikroplastik, das in unsere Umwelt gelangt – das hätte ich vor ein paar Jahren selbst nicht gedacht. Mikroplastik ist eine große Gefahr für unsere Gesundheit und die Umwelt. Deshalb arbeiten wir seit Jahren sehr eng mit den Fußballverbänden und auch mit Professor Franz Brümmer von der Uni Stuttgart zusammen. Wir haben es geschafft, die Fußballvereine wie auch die Kommunen, die häufig die Plätze betreiben, und das Kultusministerium, das für die Sportförderung zuständig ist, für das Thema zu sensibilisieren und neue Lösungen für die Rasenplätze zu finden. Wenn alte Plätze nach zehn bis zwölf Jahren saniert werden müssen, dann sollte dies fachgerecht gemacht werden und nicht wieder das übliche Kunststoffgranulat zum Einfüllen verwendet werden. Alternativen sind Olivenkern- oder Korkgranulat. Diese Einfüllmaterialien sind nicht nur ökologisch, sondern langfristig auch ökonomischer. Denn die fachgerechte Entsorgung von Kunstrasen mit Kunststoff-Einfüllmaterial ist aufwändig und teuer. Dagegen ist die Entsorgung von natürlichen Produkten problemlos. So spart man am Ende bei einer Sanierung eines Kunstrasenplatzes. Das ist Nachhaltigkeit im besten Sinne.

Bei der Reduzierung der N!-Charta Sport lediglich auf Klimaschutz würden aber die zwei Säulen Soziales und Ökonomie/Vereinserfolg wegfallen.

Natürlich kippen diese beiden Säulen nicht hinten runter. Als Vertreter aus dem Umweltministerium betone ich in erster Linie die ökologische Seite. Nachhaltigkeit ist aber viel breiter aufgestellt: Es sind Ökologie, aber auch Ökonomie und soziale Belange. Man kann nicht hoch genug einschätzen, welch wichtige soziale Funktion Sportvereine haben. Gerade für junge Menschen ist es extrem wichtig, dass sie miteinander Sport treiben, mit Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und verschiedenen Herkunftsländern. Entscheidend ist, dass man sich im Sport an bestehende Regeln hält, dass man für ein gemeinsames Ziel arbeitet. Und dabei ist es ganz egal, woher eine Person kommt. Das ist etwas, was in der Gesellschaft zunehmend fehlt – sozialer Kitt. Sportvereine sind wichtig, weil dort Menschen aufgenommen und integriert werden.

Sie haben schon das Thema Mikroplastik angesprochen. Die Europäische Union hat im September 2023 das Inverkehrbringen von Mikroplastik in Sportfreianlagen verboten. Wie werten Sie diese Entscheidung?

Da stehen wir voll und ganz dahinter. Und wir sind froh, dass wir im Land vor der Welle sind und gemeinsam Lösungsansätze mit Sportverbänden ausgearbeitet haben. Es gibt bereits mehrere Modell-Kunstrasenplätze in Baden-Württemberg, mit denen wir zeigen können, dass es auch anders funktioniert. Gute Beispiele sind der VfB Brühl mit Kork-Granulat, der TV Möglingen mit Quarzsand oder der SV Neunkirchen mit geschredderten Olivenkernen. Ich selbst habe kurz auf einem Platz auf der Bundesgartenschau in Mannheim gespielt und den Rutschtest gemacht. Ich habe keinen großen Unterschied gemerkt.

Das Verfüllen Mikroplastik in Kunstrasenplätze wird ab 2031 untersagt. Dies wurde sehr intensiv diskutiert. Gleiches gilt auch für Reitplätze. Haben Sie deshalb einen Arbeitskreis Pferdesportplätze ins Leben gerufen, weil dies öffentlich noch nicht so bekannt ist?

Genau. Im Sommer habe ich eine erste, neu sanierte Reitanlage besucht, in der keinerlei kunststoffhaltige Zusatzstoffe, wie das häufig verwendete Sand-Teppichreste-Gemisch, verarbeitet wurden. Stattdessen ist die Anlage mit Sand und Baumwolle gefüllt. Die Reiterinnen und Reiter waren ganz begeistert von der Qualität der Anlage. Außerdem freuen sie sich, dass sie das, was mal aus dem Pferd hinten herausfällt, jetzt ganz ohne Mikroplastik auf den Acker bringen können. Das ist das natürlichste der Welt, dass man einen Kreislauf schließt.

Was ist die Zielrichtung dieses Arbeitskreises?

Bei dem Arbeitskreis geht es erst einmal darum, dass die Reitanlagenbetreiber sensibilisiert werden. Gerade bei den Reitplätzen haben wir noch eine große Aufgabe vor uns, weil das Reiten weniger in Vereinen organisiert ist, sondern mehr in privat betriebenen Reitställen passiert. Deshalb arbeiten wir mit den verschiedenen Organisationen wie dem Verband der landwirtschaftlichen Betriebe, die Reitplätze betreiben, mit dem organisierten Reitsport, den Kommunen und mit den Fachleuten zusammen, die das Handbuch zur Erstellung von Reitplätzen ausarbeiten. Darin sind auch Hinweise und Leitlinien aufgeführt. Da bin ich froh, dass in dieses Standardwerk aufgenommen wird, wie man einen Reitplatz höchster Qualität auch ohne Mikroplastik aufbauen kann. Denn es geht darum, dass Reiterinnen und Reiter mit ihren Pferden ohne Qualitätsverluste reiten können.

Das ist eine Frage des Tierwohls.

Genau. Das geht auch ohne Mikroplastik.

Ein privater Reitstallbetreiber wird argumentieren, dass ihn ein Reitplatz ohne Mikroplastik soundso viele Euro mehr kostet. Hilft ihm das Land Baden-Württemberg?

Das kann ich für das Land nicht versprechen. Das ist eine unternehmerische Frage. Vor der Erstellung eines Reitplatzes hilft ein Blick ins Kleingedruckte. Da Stoff- und Teppichmaterialien kostenlos angeboten werden, ist dies eine kostengünstige Entsorgung. Auch die Materialien, die in Kunstrasenplätzen verfüllt werden, sind zum Teil nicht extra für die Kunstrasenplätze hergestellt worden, sondern Abfallprodukte. Irgendjemand hat sich die Entsorgungskosten gespart, indem tausende Tonnen von geschredderten Autoreifen in den Kunstrasenplätzen sehr günstig entsorgt wurden. Deswegen ist es wichtig, dass neue Anlagen so aufgebaut werden, dass sie nachhaltig im besten Sinne sind. Ökologisch vorbildlich, aber auch mittel- und langfristig ökonomisch vorbildlich.

Fußballvereine sind auf ihren Rasen dann besonders stolz, wenn nur Gras wächst und keine Gänseblümchen. Dies steht eindeutig im Gegensatz zu gewünschter Biodiversität. Wie lässt sich dieser Zielkonflikt lösen?

Gar nicht. Wir haben eine europäische Aufgabe, den Artenreichtum zu schützen. Das machen wir im Bereich ländlicher Räume auf Grünlandflächen, nicht auf dem Fußballplatz. Da hat der Spielbetrieb höchste Priorität. Außerhalb des Rasenplatzes können auf dem Vereinsgelände Blumen wachsen. Beim Fußballplatz kann entscheidend sein, welche Rasensorten man verwendet, ob die hitzetolerant sind oder ob man den Einsatz von Chemikalien reduzieren kann. Die Temperaturen werden steigen, der Wassermangel wird zunehmen, die Wasserkosten werden möglicherweise zunehmen. Da testet man auf Golfplätzen vieles aus.

Was können Sport- und Fußballvereine konkret vom Golfsport bezüglich Rasenpflege und Biodiversität lernen?

Zunächst einmal gibt es im Golf einen riesigen Erfahrungsschatz, welche Rasen- oder welche Grassorten man in Zeiten des Klimawandels verwenden kann. Denn es ist klar, dass auf dem Puttinggreen auch kein Gänseblümchen wachsen wird. Das ist nun mal so. Auf den Fairways auch nicht. Aber in den Semiroughs und Roughs, das sind immerhin 50 bis 70 Prozent der Fläche eines Golfplatzes, da kann man biologische Vielfalt fördern. Zusammen mit dem Baden-Württembergischen und Deutschen Golfverband haben wir es geschafft, dass über zwei Drittel der baden-württembergischen Golfplätze beim Kooperationsprojekt „Lebensraum Golfplatz“ des Umweltministeriums mitmachen. Auf den Roughflächen mancher Golfplätze hat man Orchideenwiesen, die sich in Qualität, Ausprägung und Größe mit den Orchideenwiesen von Naturschutzgebieten vergleichen lassen können. Und ein paar Meter weiter ist das Puttinggreen, das vom Greenkeeper auf wenige Millimeter kurz gehalten wird.

Der Sport braucht eine intakte Umwelt – trotzdem entsteht an manchen Stellen der Eindruck, man wolle die Menschen ausschließen. Beispiele sind Sperrungen von Felsen für Kletterer oder Wege für Mountainbiker. Wie können Sport und amtlicher Naturschutz besser kooperieren, um das Recht auf Erholung der Bürger im Wald zu erhalten und damit zur Gesundheit der Bevölkerung beizutragen?

Ich freue mich ja, dass immer mehr Menschen Outdoorsport betreiben. Aber so schön es ist, es gibt auch Schattenseiten. Irgendwo müssen auch der Uhu, der Wanderfalke, die Gelbbauchunke und die Äsche leben. Ich denke, wir haben eine gute Balance gefunden, wir leben diese auch schon über viele Jahre. Es gab in der Vergangenheit durchaus auch Konflikte zwischen Kletterei und Schutz für den Wanderfalken.

Das letzte Beispiel war der Battertfelsen bei Baden-Baden.

Ich kenne den Battertfelsen und die Karlsruher Wand sehr gut, weil ich aus der näheren Umgebung komme. Ich bin auch Mitglied im Deutschen Alpen-Verein (DAV). Ich wundere mich manchmal über die Härte der Diskussion. Ein Großteil der Kletterrouten ist nach wie vor frei. Einige wenige Routen, in denen nun mal die Wanderfalken brüten, wurden gesperrt, weil man nachweisen konnte, dass die Kletterer den Wanderfalken stören.

Warum dann die Aufregung?

Die Probleme machen nicht die organisierten Kletterer. Die klettern zu den richtigen Zeiten, wenn der Wanderfalke gerade nicht brütet. Es gibt leider auch die nicht-organisierten Kletterer, die sagen: „Das ist mir doch egal, wie der Kompromiss zwischen Naturschutzbehörde und dem DAV ist, ich klettere dort, wo die Haken sind.“ Diese Kletterer sorgen dafür, dass eine Verwaltung aktiv werden muss und auch mal eine Kletterroute komplett sperren muss. Dann werden die Haken rausgeflext. Hinter der Entscheidung und den Taten des Regierungspräsidiums Karlsruhe stehe ich voll und ganz. Anderswo können die Menschen klettern. Es geht nicht alles auf einer Fläche, manchmal ist eine räumliche Trennung nötig.

Gilt ähnliches auch beim Kanu?

In Baden-Württemberg sind knapp 2,5 Prozent der Fläche Naturschutzgebiete. Bei den Gewässern verhält es sich ähnlich. Jetzt muss nicht unbedingt in den wenigen Naturschutzgebieten mit dem Kanu oder dem Stand-up-Paddel gefahren werden, es gibt viele andere Gewässerabschnitte. Ich bin froh, dass viele Verleiher mit dem amtlichen Naturschutz kooperieren. Aber man kann sich in jedem Discounter ein Stand-up-Board kaufen und dann damit auch im Naturschutzgebiet fahren.

Und noch beim Mountainbiken?

Auch, aber da haben wir in Baden-Württemberg einen guten Prozess durchgeführt. Wir haben die Zwei-Meter-Regel im Waldgesetz festgeschrieben. Viele Waldbesitzer haben darauf hingewiesen, dass sie, wenn die Zwei-Meter-Regel fallen sollte, breite Schneisen entlang eines befahrbaren Weges schneiden müssten, damit im Zuge der Wegesicherung ausgeschlossen werden kann, dass einem Mountainbiker ein Ast auf den Kopf fallen und dieser den Waldbesitzer verklagen kann. Das wäre nicht nur mit hohen Kosten verbunden, sondern dann würde viel Alt- und Totholz wegfallen. Deswegen hat man in einem sehr aufwendigen Prozess festgelegt, wo in den verschiedenen Regionen des Landes Mountainbiketrails sind und wo nicht. So konnten durch eine gezielte räumliche Festlegung die Konflikte zur Seite geräumt werden. Natürlich kann das zur Folge haben, dass eine tolle Strecke nicht befahren werden kann. Aber ein Kompromiss bedeutet, dass beide Seiten mal zurückstecken. Ich weiß auch, dass viele Naturschutzverbände auch unglücklich über den einen oder anderen Punkt des Kompromisses waren.

Baden-Württemberg ist der Plattform „Digitize the Planet“ beigetreten, in der relevante Daten zu den Verhaltensregeln in Naturschutzgebieten – zum Beispiel befristete Betretungsverbot, Pflanzenpflücken verboten, Gebot auf den Wegen zu bleiben, Drohnenflugverbot usw. – integriert und diese somit unter einer nutzbaren Lizenz veröffentlicht sind. Welche Chancen entstehen dadurch für den Sport?

Wir leben die Politik des miteinander Sprechens und Zuhörens. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie wir miteinander kommunizieren. Da müssen wir Neuentwicklungen berücksichtigen und wollen auch Vorreiter sein.

Sie haben gesagt, dass Sie Mitglied im DAV sind. Welchen Sport treiben Sie noch?

Ich jogge für mein Leben gern. Ich gehe auch sehr gerne wandern. Da bin ich dem DAV dankbar, dass er auch Wege in den Alpen unterhält, auch eine Hütteninfrastruktur bereithält. Ich bin ganz begeistert, wie nachhaltig diese Hütten betrieben werden. Sie sind Selbstversorger mit Solarzellen auf dem Dach, der Wasserkreislauf ist geschlossen. Die Wanderinnen und Wanderer müssen, wenn sie Müll mitbringen, den auch wieder mitnehmen. Da ist man auf der DAV-Hütte wesentlich strenger als wir das im Umweltministerium sind. Golfen tue ich noch nicht, obwohl die Golfverbände mehrfach versucht haben, mich zu überreden.