Der globale, nationale und lokale Verlust an Biodiversität ist eines der drängendsten Probleme unserer Gesellschaft. Auch in Baden-Württemberg haben die Zahl und die Häufigkeit der im Land vorkommenden Arten stark abgenommen.
„Erhalten, was uns erhält“ – das ist der Leitsatz des „Sonderprogramms zur Stärkung der biologischen Vielfalt“, in dem die Landesregierung Baden-Württemberg zahlreiche Projekte zur Erhaltung der Biodiversität angestoßen und gebündelt hat. Um die Bedeutung der biologischen Vielfalt für unser aller Leben einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, wurden in Kooperation mit dem baden-württembergischen Landesverband der Volkshochschulen Vorträge zu unterschiedlichen Themen konzipiert. Den Teilnehmenden sollen die vielfältigen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie sie sich aktiv ehrenamtlich beteiligen können, unser Wissen um die biologische Vielfalt zu erweitern und sie zu erhalten.
Das Format der Vortragsreihe
Über die Online-Plattform Slido halten Referentinnen und Referenten einen Impulsvortrag. Anschließend folgt eine moderierte Diskussion unter Einbeziehung des Publikums. Die Veranstaltung wird via Livestream übertragen. Zuhörerinnen und Zuhörer können über ein Fragetool Fragen stellen. Die Veranstaltung wird aufgezeichnet, Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind jedoch nicht sichtbar und hörbar.
Die Vortragsreihe startet am Donnerstag, 8. Oktober 2026, um 18 Uhr. Die Teilnahme ist kostenfrei.
Citizen Science im Biodiversitätsmonitoring: Erfassung der Bestäuberdiversität in Agrarlandschaften
Dr. Demetra Rakosy, Dr. Annette Herz, Thünen-Institut für Biodiversität
Citizen Science stellt einen zunehmend bedeutenden Ansatz für das Monitoring der biologischen Vielfalt dar, da sie die Erhebung großräumiger und langfristiger Datensätze ermöglicht. Im Rahmen von MonViA (dem Monitoring der biologischen Vielfalt in Agrarlandschaften) kommen Citizen-Science-Ansätze insbesondere bei der bundesweiten Erfassung von Wildbienen sowie weiteren Insektengruppen in Agrarlandschaften zum Einsatz. Dabei setzen die Projekte sowohl auf traditionelle Erfassungsmethoden als auch auf neu entwickelte automatische Systeme.
Die systematische Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern, die Anwendung standardisierter Erhebungsmethoden sowie die Umsetzung geeigneter Validierungs- und Schulungskonzepte ermöglichen die Generierung einer belastbaren Datengrundlage zum Zustand und zur Entwicklung von Wildbienen und anderen Insekten in Agrarlandschaften sowie, in Kombination mit Landnutzungs- und Landschaftsdaten, die Identifikation der Faktoren, die ihre Bestände beeinflussen. Gleichzeitig fördern die vorgestellten Citizen-Science-Projekte den Wissenstransfer und die gesellschaftliche Sensibilisierung für Biodiversitätsverluste in Agrarlandschaften. Die gewonnenen Erkenntnisse leisten darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur evidenzbasierten Politikberatung im Bereich des Biodiversitätsschutzes und der nachhaltigen Agrarpolitik.
Jeder Fund zählt – Amphibien und Reptilien in Baden-Württemberg gemeinsam erfassen
Nadine Hammerschmidt, Staatliches Naturkundemuseum Stuttgart, und Beatrice Kämpf, Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg
Seit April 2014 koordinieren das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart und die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) gemeinsam die „Landesweite Artenkartierung – Amphibien und Reptilien“ in Baden-Württemberg, unterstützt von Naturschutzverbänden und zahlreichen ehrenamtlichen Kartiererinnen und Kartierern.
Ziel des Projekts ist die systematische Erfassung der Verbreitung von Amphibien- und Reptilienarten in einem landesweiten 5 × 5 km-Raster. Im Fokus stehen insbesondere Arten der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, für die regelmäßig Daten zum Erhaltungszustand an die Europäische Union berichtet werden müssen; seit 2025 werden zusätzlich Begleitarten systematisch berücksichtigt.
Alle Beobachtungen werden über ein Online-Portal gemeldet und bilden eine wichtige Grundlage für Naturschutz, Planung und Biodiversitätsforschung in Baden-Württemberg.
Citizen Science für die Biodiversität: iNaturalist und Observation.org
Alexander Franzen, Masterstudent Universität Göttingen
Die internationalen Citizen-Science-Plattformen iNaturalist und Observation.org haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem wichtigen Instrument zur digitalen Erfassung der globalen Biodiversität entwickelt. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Funktion beider Plattformen, die Verwendung mobiler Apps und das Potenzial KI-gestützter Bestimmung. Chancen, Grenzen und mögliche Anwendungen beider Plattformen in Forschung, Naturschutz und Bildung werden diskutiert.
Digitale Artensammlung in Baden-Württemberg
Petra Groß, Referat Artenschutz und Iris Leichtweiß, Referat Umweltanwendungen, Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW)
Seit 2013 besteht die Möglichkeit, Beobachtungen von Tieren aus Baden-Württemberg einfach und unkompliziert über die „Meldeplattformen“ der Naturschutzverwaltung zu übermitteln und somit einen wertvollen Beitrag zur Naturforschung und zum Naturschutz zu leisten. Für welche Arten welcher Datenschatz über die Jahre aufgebaut wurde und welche technischen Entwicklungen und Funktionen hierfür zur Verfügung stehen, wird vorgestellt.
Aktueller Stand des Ehrenamtlichen Vogelmonitorings in Deutschland und Baden-Württemberg: Von der Vogelbeobachtung zum Trend und darüber hinaus
Dr. Tobias Erik Reiners, Dachverband Deutscher Avifaunisten e. V. (DDA)
Das ehrenamtliche Vogelmonitoring in Deutschland bildet eine zentrale Säule für die Erfassung von Bestandsentwicklungen, die Bewertung des Zustands der biologischen Vielfalt und die Erfüllung nationaler wie internationaler Berichtspflichten im Naturschutz.
Der Dachverband Deutscher Avifaunisten e. V. (DDA) koordiniert hierzu ein bundesweit einzigartiges, mehrstufiges Monitoring-System, das systematische Erfassungsprogramme mit großskaligen Citizen-Science-Daten verknüpft. Kernprogramme sind das Monitoring häufiger Brutvögel (MhB), seltener Brutvögel (MsB), rastender Wasservögel (MrW) sowie der Brutvogelatlas ADEBAR. Ergänzt werden diese durch das Vogelmonitoring in Schutzgebieten (VM-S) und durch Gelegenheitsbeobachtungen über die Meldeplattform ornitho.de, die inzwischen mehr als 107 Millionen Beobachtungen von über 60.000 registrierten Nutzerinnen und Nutzern umfasst. Insgesamt engagieren sich mehrere tausend Ehrenamtliche bundesweit in standardisierten Monitoringsprogrammen.
Citizen Scientists im Mittelpunkt der Erforschung von Tapinoma magnum
Amelie Höcherl, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Wie gelangte eine mediterrane Ameisenart in die Gärten Baden-Württembergs? Die Große Drüsenameise wurde wahrscheinlich in der Erde von Topfpflanzen importiert und ist mittlerweile weit verbreitet, möglicherweise begünstigt durch ein wärmeres und trockeneres Klima. Mit ihren riesigen Superkolonien kann sie die Biodiversität und menschliche Infrastrukturen beeinträchtigen.
Im Tapinoma-Forschungsprojekt überprüfen wir diese Hypothesen durch eine Zusammenarbeit zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Pädagoginnen und Pädagogen. Ein Beispiel, wie Citizen Science dazu beiträgt, drängende Umweltprobleme zu verstehen. Naturkundemuseum Karlsruhe: Tapinoma Magnum melden
Citizen Science: Monitoring von Wildbienen und Wespen in Nisthilfen
Anna Klopstock, Universität Freiburg
Im Projekt GolfBiodivers wurde die Biodiversität auf Golfanlagen untersucht und durch gezielte Aufwertungsmaßnahmen gefördert. Ein Citizen-Science-Ansatz band Freiwillige ausgewählter Anlagen ein, die Wildbienen und Wespen in Nisthilfen beobachteten. Die Nisthilfen enthielten Röhren, in denen die Tiere ihre Nester mit Brutzellen anlegten. Jede/jeder Freiwillige betreute eine Nisthilfe und dokumentierte über die Saison standardisiert anhand von Fotos und Zählungen, wie viele Brutzellen sichtbar waren und welche Arten oder Artengruppen die Nisthilfe nutzten.
Nach einer Einführung unterstützte die App iDLogics bei der Erkennung typischer Nistmerkmale und ausgewählter Zielarten. Ziel war eine möglichst nicht-tödliche Bestimmung: Statt Nisthilfen abzubauen und im Labor auszubrüten, sollte die Bestimmung soweit möglich im Feld erfolgen. Auch wenn eine Artbestimmung nicht immer anhand von Fotos möglich ist, lieferte das Monitoring wichtige Hinweise zu Besiedlung, Brutaktivität und Zusammensetzung der Artengruppen. Untersucht wurden Wissenszuwachs und ob sich durch Aufwertung im Vergleich zu Kontrollflächen mehr Arten und mehr Brutzellen etablierten.
Flora incognita – mehr als Pflanzenbestimmung
Dr. Michael Rzanny, MPI für Biogeochemie, Forschungsgruppe „Biodiversität, Ökosysteme und Gesellschaft“, Jena
Mit Flora Incognita können mehr als 30.000 Pflanzen- und Pilzarten automatisch bestimmt werden – kostenlos und werbefrei. Aber die App kann noch mehr! In diesem Vortrag erfahren Sie, wie die App funktioniert, lernen Tipps und Tricks für eine genauere Bestimmung und bekommen Einblicke in die Forschungsarbeiten, die für die Entwicklung der App nötig waren und lernen welche wissenschaftlichen Fragestellungen, dank der Beobachtungsdaten von uns nun beantwortet werden können.
Citizen Science: Bürgerwissenschaften im Arten- und Naturschutz
Robert Pfeifle, Naturschutzbund Baden-Württemberg
Citizen Science Projekte können durch flächendeckendes Monitoring einen Beitrag zur Datenerhebung im Arten- und Naturschutz liefern. Über die wissenschaftliche Erkenntnis hinaus stärkt die aktive Beteiligung der Bevölkerung das gesellschaftliche Bewusstsein für die biologische Vielfalt und fördert den direkten Schutz von Lebensräumen. Der Vortrag zeigt anhand aktueller Beispiele auf, wie Citizen Science Projekte Trends oder Entwicklungen dokumentieren und wertvolle Daten für die Forschung sammeln können.
Monitoring kleiner Fließgewässer am Beispiel des Bürgerforschungsprojektes FLOW
Roland Bischof, Projektkoordination FLOW, Deutscher Angelfischerverband e. V.
Die Fließgewässer in Deutschland erstrecken sich insgesamt über eine Länge von mehr als eine halbe Million Kilometer, von diesen wird derzeit aber nur circa ein Drittel durch offizielles Monitoring erfasst. Dieses konzentriert sich vorrangig auf größere Flüsse wie Elbe, Rhein und Donau, die entsprechend der EU-Wasserrahmenrichtlinie intensiv auf ihren ökologischen und chemischen Zustand untersucht werden. Für die meisten Bäche fehlen diese Informationen jedoch. Hier setzt das Citizen-Science Projekt FLOW an.
In FLOW beobachten und erfassen Gruppen geschulter Ehrenamtlicher bundesweit mit standardisierten Methoden die Gewässerstruktur und die Makrozoobenthos-Gemeinschaft in kleinen Bächen. Indem sie diese wertvollen Daten erfassen, leisten Bürgerforschende einen wichtigen Beitrag zur Beurteilung der Gewässergüte und schaffen ein Bewusstsein hinsichtlich der Bedeutung und der Gefährdung kleiner Fließgewässer.
