Versorgungssicherheit

Einführung eines zentralen Kapazitätsmarktes für Back-up-Strom

Für Energieministerin Thekla Walker wäre die Einführung eines zentralen Kapazitätsmarktes nach belgischem Modell ein wichtiger Schritt für eine erfolgreiche Energiewende. Warum, das schreibt sie in einem Beitrag für den Tagesspiegel Background.

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Feldweg mit Strommasten

Katherina Reiche ist eine Prokrastinations-Ministerin, schreibt Thekla Walker. Dieses Handlungs-Muster sieht die Grünen-Energieministerin in Baden-Württemberg bei der überfälligen Festlegung, wie ein Kapazitätsmarkt aussehen soll. Bei der Kraftwerksstrategie sei Reiche bei einem Ergebnis angelangt, das ihr Vorgänger schon ein Jahr zuvor verhandelt habe. Beim Kapazitätsmarkt gebe es mit der belgischen Lösung ein in der Praxis erprobtes Modell, argumentiert sie.

Eigentlich besteht Konsens in Politik und Wissenschaft: Wir wollen die Klimaziele erreichen, wir wollen eine wirtschaftliche Stromversorgung und das sehr hohe Versorgungssicherheitsniveau in Deutschland erhalten. Dazu ist neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien auch der Ausbau steuerbarer Kapazitäten sowie eine Erhöhung der Flexibilität im Energiesystem erforderlich. Darauf weisen alle relevanten Studien hin, darunter auch die Monitoring-Metastudie des Bundeswirtschaftsministeriums.

Um die Investitionen in die unterschiedlichen Technologien anzureizen und ihre Betriebsbereitschaft sicherzustellen, ist ein Absicherungsmechanismus erforderlich. Auch hier gehen alle maßgeblichen Akteure mit. Umso unverständlicher ist das Zögern des Bundes, ein Modell für einen Kapazitätsmarkt vorzustellen, dass diese Ziele in sich vereint.

Einführung eines Kapazitätsmarktes ist inzwischen zeitkritisch

Um sowohl aus der Kohle auszusteigen als auch die Versorgungs- und Betriebssicherheit des Stromsystems in den 2030er Jahren zu gewährleisten, sind schnelle Entscheidungen erforderlich. Daher sollten wir uns an bestehenden Mechanismen in der EU orientieren, um eine rasche beihilferechtliche Genehmigung zu erhalten. So können wir ein in der Praxis erprobtes System schnell implementieren und die Versorgungssicherheit in Deutschland stärken.

Ich schlage daher vor, sich am belgischen Kapazitätsmarkt zu orientieren. Die EU-Kommission hat ihn 2021 genehmigt. Er gewährleistet laut dem belgischen Energieregulierer CREG die Versorgungssicherheit zu kontrollierten Kosten. Er würde unter das Zielmodell des Beihilferahmens für den „Deal für eine saubere Industrie“ (CISAF) fallen. Dadurch wäre eine beschleunigte Genehmigung durch die EU möglich – die Hürde mit dem größten Verzögerungspotenzial wäre bei diesem Modell leicht zu überspringen.

Unterschiedliche Kapazitätsmechanismen werden diskutiert, aber nur einer funktioniert

Das System eines zentralen Kapazitätsmarktes hat den Praxistest bereits bestanden. Ein zentral festgelegtes Versorgungssicherheitsniveau hat sich als wichtige Leitplanke für den Markt erwiesen. Der Markt braucht solche festen Rahmenbedingungen. Das zeigen die Vergleiche des belgischen Modells mit dem dezentralen Modell in Frankreich, das sich nach Meinung von Analysten nicht bewährt hat.

Aktuell diskutiert wird auch die Idee, dass Versorger einen Teil ihrer Nachfrage mithilfe von Langfristverträgen am Strommarkt absichern. Bei einem dezentralen Kapazitätsmarkt wird diese Verpflichtung ebenfalls den Versorgern übertragen. Diese können sie selbst erfüllen oder Zertifikate an einem Kapazitätsmarkt erwerben. Beide Systeme gehen mit einem hohen Überwachungsaufwand einher. Zudem ist die Absicherungspflicht praktisch nicht erprobt. Wir können nur spekulieren, dass sie funktionieren könnte.

Klimaneutralität, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit zusammen denken

Mit einem zentralen Kapazitätsmarkt kommen wir dagegen nachweislich unserer Pflicht nach, die Rahmenbedingungen für Versorgungssicherheit zu setzen. Dies schafft Planungssicherheit für die Akteure der Energiewirtschaft. Auch die Kompatibilität mit unseren Klimazielen kann im zentralen Kapazitätsmarkt sichergestellt werden. Denn neben dem Europäischen Emissionshandel können wir mit diesem Modell einen klaren CO2-Emissionsminderungspfad festlegen. Dieser muss durch den Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur und die Verfügbarkeit von Wasserstoff unterstützt werden.

In ihrer Kraftwerksstrategie zeigt die Bundeswirtschaftsministerin diesbezüglich zu wenig Ambitionen. Kraftwerke, die für die Wasserstoffwirtschaft als Ankerkunden notwendig sind, müssen in der Kraftwerksstrategie und im zentralen Kapazitätsmarkt angemessen und zeitnah berücksichtigt werden. Auch hier braucht es Leitplanken in Form von konkreter Umstiegsszenarien von Gas auf Wasserstoff, damit sich der Markt daran orientieren kann.

Kosteneffiziente Bereitstellung von Versorgungssicherheit

Mehr Markt erreichen wir auf anderem Wege: durch die weitestgehende Öffnung des Kapazitätsmarktes für möglichst viele – auch kleinere – Akteure und Technologien. Eine hohe Akteursvielfalt inklusive Energiegenossenschaften und Stadtwerken stärkt den Wettbewerb über die Konzerne hinaus.

Vor allem die Erschließung von Nachfrageflexibilitäten ist ein Knackpunkt bei der kosteneffizienten Bereitstellung von Versorgungssicherheit. Internationale Erfahrungen zeigen, dass die Einbindung dezentraler Flexibilität in den zentralen Kapazitätsmarkt möglich ist.

Systemdienliche Lokalisierung durch Regionalisierung

Bei der Einführung des zentralen Kapazitätsmarktes ist es von entscheidender Bedeutung, die Investitionen an die „richtigen“ – systemdienlichen im Sinne geringer zusätzlicher Kosten für Netzausbau – Standorte zu lenken. Auch eine solche Leitplanke ist wichtig, um unmittelbar die Gesamtkosten zu beeinflussen.

Eine höhere Kapazität an Backup-Kraftwerken und anderen steuerbaren Kapazitäten vorrangig im Süden senkt die Netzkosten. Im Vergleich zu anderen, teilweise wesentlich komplexeren und noch nicht erprobten Modellen gilt die Einführung einer lokalen Komponente im zentralen Kapazitätsmarkt als einfach umsetzbar. Sie ist vor allem auch anschlussfähig an die geplanten Ausschreibungen in der Kraftwerksstrategie.

Wichtiger Schritt für die Energiewende

Ich bin überzeugt, dass die Einführung eines zentralen Kapazitätsmarktes in Deutschland ein wichtiger und richtiger Schritt für die Energiewende ist. Vor allem ist es ein Schritt nach vorne. Das aktuell so heiß diskutierte Netzpaket atmet den Geist des Abwartens, Zauderns und Nichts-Tuns. Investitionen vermeiden, weil sie kosten, hat sich aber noch nie als dauerhaft tragfähige Lösung erwiesen.

Der zentrale Kapazitätsmarkt hingegen ist in der Tat ein Systemwechsel – aber mit überschaubarem Risiko angesichts der Erfahrungen in Belgien und mit dem Ergebnis, unsere Energieversorgung in Zukunft sicher, wirtschaftlich, umwelt- und klimafreundlich zugleich aufzustellen.

Quelle: Tagesspiegel Background, erschienen am 13.02.2026