Überblick für Baden-Württemberg

Bedeutsame Vorkommnisse im Jahr 2020

In Baden-Württemberg gab es im Jahr 2020 insgesamt 32 bedeutsame Vorkommnisse nach Paragrafen 108, 167 und 168 Strahlenschutzverordnung. In der Mehrzahl der Fälle handelte es sich dabei um Vorkommnisse in der Medizin, die bei der Anwendung ionisierender Strahlung oder radioaktiver Stoffe stattgefunden haben. Außerdem wurden radioaktive Stoffe in der Industrie, zum Beispiel bei Recycling-Unternehmen, gefunden.

Im Folgenden werden einige dieser Funde und weitere Vorkommnisse beschrieben.

Medizinische Anwendung von radioaktiven Stoffen und ionisierender Strahlung

Im Jahr 2020 gab es 21 bedeutsame Vorkommnisse bei der Anwendung radioaktiver Stoffe und ionisierender Strahlung in der Medizin. Die Mehrzahl dieser Vorkommnisse betraf Fehlbestrahlungen oder Patientenverwechslungen in der Bestrahlungstherapie von Tumoren.

Bei einer Patientin war zum Zeitpunkt der Untersuchung mit einem Computertomographen die Schwangerschaft nicht bekannt. Dadurch kam es zu einer ungewollten Bestrahlung des Embryos, die etwa drei- bis viermal so hoch war wie die maximal zulässige Dosis für das ungeborene Kind. Der Patientin wurde empfohlen, sich bei einer human-genetischen Beratung vorzustellen.

In den sonstigen Fällen kam es zu keiner Gefährdung der Patienten.

Um sowohl tatsächlich als auch beinahe aufgetretene medizinische Vorkommnisse systematisch erfassen und aufarbeiten zu können, wurde beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine zentrale Meldestelle für diese bedeutsamen Vorkommnisse eingerichtet. Das BfS veröffentlicht hierüber jährlich einen Bericht.

Funde radioaktiver Stoffe: Radioaktive Stoffe in der Recycling-Industrie

In der Recycling-Industrie traten erneut die meisten Funde radioaktiver Stoffe auf. Dabei handelte es sich vorwiegend um Teile mit natürlichen Radionukliden aus der Uran-238- oder Thorium-232-Zerfallsreihe. Außerdem wurde früher Radium-226 in Leuchtfarben verwendet. Deshalb findet man auch heute noch Metallteile, an denen Reste dieser Leuchtfarbe vorhanden sind.

In verschiedenen Messeinrichtungen sind ebenfalls radioaktive Nuklide verbaut. Je nach Aktivität waren diese in den 1980er Jahren nicht genehmigungspflichtig, sodass sie nicht der behördlichen Aufsicht unterlagen.

Außerdem wurde bei einem Recycling-Unternehmen ein Abschirmbehälter für eine hochradioaktive Strahlenquelle gefunden. Der anfängliche Verdacht, dass sich die Quelle noch im Behälter befinde, hat sich nicht bestätigt. Der Behälter war leer.

Fund radioaktiver Stoffe in Privathaushalten

Auch in privaten Haushalten treten Funde auf, zum Beispiel bei Haushaltsauflösungen. So findet man immer wieder sogenannte Radiumbecher. Hierbei handelt es sich um Trinkgefäße, die eine Radiumquelle enthalten. Dadurch wird Radium-226 oder Radon-222 im Trinkwasser angereichert. In den 1920er Jahren wurde diesem Wasser eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben. Die in den Trinkbechern enthaltenen Radium-Strahler werden von den Behörden eingezogen und als radioaktiver Abfall entsorgt. Im Jahr 2020 wurden bei Recycling-Unternehmen oder in Privathaushalten drei Radiumbecher sichergestellt.

Sonstige Vorkommnisse im Strahlenschutz

Bereits Ende 2019 erhielten zwei Mitarbeiter bei der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung eine Strahlendosis über dem gesetzlichen Jahresgrenzwert für beruflich strahlenexponierte Personen.

Bei der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung werden die Eigenschaften von Werkstücken mithilfe von hochradioaktiven Strahlenquellen (HRQ) untersucht. So können zum Beispiel Verschleißerscheinungen oder Fehlstellen im Material oder bei Schweißnähten abgebildet werden. Eine hochradioaktive Iridium-Quelle verursacht eine hohe Strahlendosis. Der unmittelbare Aufenthalt an einer nicht abgeschirmten Quelle ist deshalb unzulässig.

Die Verwendung von HRQs ist genehmigungspflichtig und unterliegt der behördlichen Überwachung. Die Strahlenexposition von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die bei der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung tätig sind, wird nach Strahlenschutzverordnung mit Personendosimetern überwacht. Sie tragen während ihrer Arbeit ein amtliches Dosimeter, um  die Strahlenexposition zu erfassen. Zudem werden elektronische Dosiswarngeräte eingesetzt, die das Personal akustisch warnen, falls sich dieses im Strahlungsfeld aufhält.

Zwei Mitarbeiter hatten versäumt, zwischen zwei Prüfvorgängen die HRQ in ihre Abschirmposition zurückzufahren. Beim Wechsel des Werkstückes waren sie deshalb einer hohen Strahlenexposition ausgesetzt. Außerdem war das akustische Dosiswarngerät ausgeschaltet, was während der Tätigkeit unzulässig ist.

Ein Mitarbeiter erhielt eine Dosis von 30 Millisievert (mSv), der andere eine Dosis von 100 Millisievert. Der Grenzwert der jährlichen Strahlenexposition beträgt 20 Millisievert. Aufgrund der Überschreitung war eine Meldung an die Internationale Atomenergieorganisation erforderlich. Das Vorkommnis ist nach der internationalen 7-stufigen Bewertungsskala INES (International Nuclear Event Scale) in die Stufe 2 eingeordnet.

Die Ermittlungen des zuständigen Regierungspräsidiums deckten technische Mängel in der Ausstattung auf. Diese Mängel wurden in der Zwischenzeit beseitigt. Die Untersuchungen zeigten auch ein Fehlverhalten des Personals sowie des Strahlenschutzverantwortlichen auf, die von der Staatsanwaltschaft weiterverfolgt werden.