Kernenergie

Sicherheitstechnische Bewertung eines früheren Ereignisses im Kernkraftwerk Philippsburg

Eine vom Umweltministerium im November 2011 zugezogene Sachverständigenorganisation, das Physikerbüro Bremen, hat sicherheitstechnische Defizite bei der Durchführung einer Änderungsmaßnahme im Mai 2009 im Kernkraftwerk Philippsburg 2 (KKP 2) ermittelt und bewertet.

Bei der Durchführung einer Änderung der Feuerlöschwassereinspeisung und Feuerlöschwassereinleitung im Ringraum des Reaktorgebäudes und im Reaktorgebäude des Kernkraftwerkes KKP 2 im Mai 2009 wurden Armaturen und Rohrleitungsstücke ausgetauscht. Dabei wurden auch vorübergehend Armaturen für den Gebäudeabschluss des Reaktorgebäudes unscharf gestellt und eine Ersatzeinspeisung von Löschwasser in das Reaktorgebäude für die Dauer der Arbeiten am Feuerlöschwassersystem geschaffen.

Das Gutachten des Physikerbüros kommt zu dem Ergebnis, dass bei der Planung, Durchführung und Dokumentation der Arbeiten

  • die Sicherheitsbetrachtung unzureichend gewesen sei,
  • Vorgaben der für die Änderungsmaßnahmen relevanten anlageninternen Prozeduren und Festlegungen nicht umgesetzt worden seien,
  • die Kommunikation zwischen den für die Änderungsmaßnahmen verantwortlichen Einheiten des Kernkraftwerkes und die Information der Aufsichtsbehörde unzureichend gewesen sei, und dass
  • bei den Beteiligten zum Teil eine unzureichende kritisch hinterfragende Grundhaltung vorlag, so dass an sich vorgesehene Prüfungen der Richtigkeit getroffener Festlegungen im Rahmen der Durchführung der Arbeiten nicht gegriffen haben, wodurch Fehler zu spät erkannt wurden.

Die sicherheitstechnischen Konsequenzen des Ereignisses für den Anlagenzustand bewertet der Gutachter hinsichtlich der Prüfaspekte

  • Unverfügbarkeit des Gebäudeabschlusses,
  • Potential einer Ringraumüberflutung und
  • Potential des Eintrags nicht borierten Wassers in den Reaktorgebäudeinnenraum als „gering“.

Im Hinblick auf den vierten Prüfaspekt, die Beeinträchtigung der Verfügbarkeit und der Wirksamkeit des Feuerlöschsystems kommt der Gutachter dagegen zu dem Ergebnis, dass während der Durchführung der Arbeiten über einen Zeitraum von 16 Tagen im Leistungsbetrieb der Anlage die Einrichtungen zur Brandbekämpfung im Reaktorgebäude sicherheitstechnisch beeinträchtigt waren, da die während der Änderungsarbeiten installierten brandschutztechnischen Ersatzmaßnahmen für die außer Betrieb genommene reguläre Löschwassereinrichtung im Reaktorgebäude nicht gleichwertig waren.

Die Ergebnisse des Gutachters hat die Atomaufsicht intensiv mit dem Gutachter beraten. Das Umweltministerium schließt sich dem Gutachten an, zunächst wurden folgende Maßnahmen ergriffen:

  • die Verantwortlichen in KKP 2 wurden umgehend für Freitag, den16. März zu einem Gespräch ins Umweltministerium gebeten,
  • vergleichbare Arbeiten an der Anlage mit Freischaltungen (= außer Funktion nehmen) im Leistungsbetrieb werden bis auf weiteres im Vorfeld vertieft geprüft und dürfen gegebenenfalls erst in der Revision vorgenommen werden,
  • der Betreiber wurde aufgefordert, zu dem Gutachten detailliert Stellung zu nehmen, insbesondere zur Beeinträchtigung des Brandschutzes. Er wurde weiter aufgefordert, darzustellen, welche Konsequenzen er bereits gezogen hat und noch ziehen wird,
  • auch der TÜV, als der im Jahr 2009 bei den Änderungsmaßnahmen zugezogene Sachverständige, wurde aufgefordert, zu den im Gutachten des Physikerbüros dargestellten Mängeln des damaligen Änderungsverfahrens und zu seiner Rolle als zugezogener Sachverständiger Stellung zu nehmen,
  • Bundesumweltministerium und Staatsanwaltschaft wurden über die Ergebnisse des Gutachtens in Kenntnis gesetzt.

Ziel dieser vorläufigen Maßnahmen ist es, zu verhindern, dass sich die bei der sicherheitstechnischen Bewertung des Ereignisses zu Tage getretenen Mängel, insbesondere bei Planung, Durchführung und Dokumentation einer Änderungsmaßnahme, wiederholen. Dabei wird das Umweltministerium auch das eigene Vorgehen im Zuge der Aufarbeitung des Ereignisses und auch die Zusammenarbeit mit der Bundesaufsicht kritisch hinterfragen.

Ergänzende Informationen

Bei dem zu bewertenden Ereignis handelt es sich um die Durchführung einer sicherheitstechnischen Verbesserung am Feuerlöschsystem im Sicherheitsbehälter vom 12. Mai 2009. Damals öffnete der Betreiber des Kernkraftwerks Philippsburg bei laufendem Betrieb des Reaktors zwei Gebäudeabschlussarmaturen des Sicherheitsbehälters und setzte sie versehentlich auch außer Funktion, um Arbeiten an einer Löschanlage durchzuführen. Die nächste Schicht bemerkte und korrigierte den Fehler.

Das Ereignis führte im März 2011 zu zwei Strafanzeigen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Verantwortliche der EnBW wegen des Verdachts eine kerntechnische Anlage ohne die erforderliche Genehmigung betrieben zu haben. Im Kern ging es damals um die Frage, ob das Unscharfmachen von Gebäudeabschlussarmaturen bei laufendem Betrieb zulässig war oder nicht. Die Ermittlungen wurden im September 2011 eingestellt. Die Staatsanwaltschaft kam, anders als zum Beispiel die Deutsche Umwelthilfe, zu dem Ergebnis, dass das Vorgehen des Betreibers vom Betriebshandbuch gedeckt gewesen sei. Dabei stützte sie sich auf die Regelung des Betriebshandbuchs, die die Freischaltung im Falle einer im Leistungsbetrieb überraschend notwendig werdenden Reparatur auch für einen begrenzten Zeitraum erlaubt.

Im November 2011 beauftragte das Umweltministerium das Physikerbüro Bremen mit der unabhängigen sicherheitstechnischen Bewertung der damaligen Vorgänge. Dieser Sachverständigenorganisation gehören der stellvertretende Vorsitzende der Reaktorschutz-Kommission (RSK), Richard Donderer, und das Mitglied der RSK, Matthias Brettner, an, die zusammen das Gutachten erstellt haben.

Den bisher im Fokus stehenden Aspekt des Ereignisses, das Unscharfmachen der Armaturen, bewertet er nun sicherheitstechnisch als wenig bedenklich. Allerdings haben die intensiven Untersuchungen des Physikerbüros ein anderes Defizit aufgedeckt: Die statt der freigeschalteten Einrichtungen des Löschsystems ergriffenen Ersatzmaßnahmen waren nicht ausreichend. Dies habe über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen zu einer Beeinträchtigung der Einrichtungen zur Brandbekämpfung geführt. Dabei wurden zahlreiche Betriebsvorschriften nicht beachtet. Der Gutachter kritisiert auch, dass die ursprüngliche Festlegung, die Maßnahme während der Revision durchzuführen, nicht nachvollziehbar und nicht hinreichend geprüft geändert wurde.

Das Gutachten ist auf der Homepage des Umweltministeriums veröffentlicht: www.um.baden-wuerttemberg.de

Quelle:

Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg