Energie

Meldepflichtige Ereignisse beim Kernkraftwerk Philippsburg 2

Im Zuge der derzeit laufenden Revisionsarbeiten beim Kernkraftwerk Philippsburg 2 (KKP 2) sind zwei weitere Meldepflichtige Ereignisse aufgetreten. Dies gab heute (3. Juni 2011) das Umweltministerium als Atomaufsichtsbehörde in Stuttgart bekannt.

Fehlfunktion des Leistungsschalters der Nachkühlpumpe beim Probelauf

Am 24. Mai dieses Jahres wurde im Kernkraftwerk eine Funktionsprüfung an einer Nachkühlpumpe durchgeführt. Bei der Funktionsprüfung kam es zu einer Schutzabschaltung der Pumpe. Bei der Ursachenklärung wurde festgestellt, dass zwei Kontakte des Leistungsschalters der Nachkühlpumpe verklebt waren. Der Schalter wurde gegen einen Ersatzschalter des gleichen Typs ausgetauscht. Bei diesem Schalter wurde bei der Funktionsprüfung eine Schwergängigkeit an der Welle des Einschaltmagneten festgestellt.

Einstufung durch den Kraftwerksbetreiber: Meldekategorie N (=Normal); INES 0 (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung)

Maßnahmen des Kraftwerksbetreibers: Der Schalter wurde durch einen baugleichen Schalter ausgetauscht. Dieser konnte fehlerfrei angeschlossen werden und das System wieder in Betrieb genommen werden.

Sicherheitstechnische Bewertung der behördlichen Atomaufsicht: Das Nachkühlsystem dient zur Beherrschung von Leckstörfällen. Es ist vierfach redundant aufgebaut. Nur eine Redundanz war von dem Ereignis betroffen. Zum Zeitpunkt des Ereignisses befand sich das Kraftwerk nicht im Leistungsbetrieb. Der ausgefallene Strang war nach den Revisionstätigkeiten noch nicht als betriebsbereit erklärt worden und musste somit nicht für die Nachkühlung zur Verfügung stehen. Das Ereignis hat eine geringe sicherheitstechnische Bedeutung. Es ergaben sich keine Auswirkungen auf Personen, Umwelt oder den Betrieb der Anlage. 

Abweichung von Kalibrierfaktoren von Aktivitätsmessstellen nach Austausch von Messumformern

Bei KKP 2 wurden außerdem bei der Erneuerung von Messumformern bei Messgeräten zur Aktivitätsüberwachung in sieben Fällen nicht korrekte Kalibrierfaktoren (Umrechnungsfaktoren) eingestellt. Dadurch haben die betroffenen Messgeräte geringfügig falsche Messwerte angezeigt. Ursache der falsch eingestellten Kalibrierfaktoren waren Unterschiede zwischen Hersteller- und Be-treiberunterlagen. Eine Nachbewertung der betroffenen Messwerte für den relevanten Zeitraum ergab, dass auch unter Verwendung der korrekten Kalibrierfaktoren keine Grenzwerte erreicht wurden.

Einstufung durch den Kraftwerksbetreiber: Meldekategorie N (=Normal); INES 0 (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung)

Maßnahmen des Kraftwerksbetreibers: Die Kalibrierfaktoren der betroffenen Messgeräte, sowie die Dokumentation wurden korrigiert.

Sicherheitstechnische Bewertung der behördlichen Atomaufsicht: Die falsch eingestellten Kalibrierfaktoren führten nur zu geringfügigen Messabweichungen. Grenzwerte wurden auch bei Verwendung der korrekten Faktoren in keinem Fall erreicht. Das Ereignis hat deshalb eine geringe sicherheitstechnische Bedeutung. Es ergaben sich keine Auswirkungen auf Personen, Umwelt oder den Betrieb der Anlage. 

Ergänzende Informationen für die Redaktionen:

Seit 1975 werden meldepflichtige Ereignisse in Kernkraftwerken den atomrechtlichen Aufsichtsbehörden der Länder nach bundeseinheitlichen Kriterien gemeldet.

Mit der Verordnung über den kerntechnischen Sicherheitsbeauftragten und über die Meldung von Störfällen und sonstigen Ereignissen (Atomrechtliche Sicherheitsbeauftragten- und Meldeverordnung - AtSMV) wurde die Verpflichtung der Betreiber, derartige Ereignisse an die Aufsichtsbehörde zu melden, rechtsverbindlich festgelegt. Ziel des Meldeverfahrens ist, den Sicherheitsstand der Kernkraftwerke zu über­wachen und mit dem Rückfluss der Erfahrungen weiter zu verbessern. Die konsequente Verfolgung von meldepflichtigen Ereignissen in Kernkraftwerken erlaubt es, etwaige Mängel frühzeitig zu erkennen, dem Auftreten ähnlicher Fehler in anderen Kernkraftwerken vorzubeugen und die gewonnenen Erkenntnisse in sicherheitstechnische Verbesserungen einfließen zu lassen.

Die meldepflichtigen Ereignisse sind unterschiedlichen Kategorien zugeordnet, die sich wie folgt zusammenfassend charakterisieren lassen:

Kategorie S (Sofortmeldung): Der Kategorie S sind solche meldepflichtigen Ereignisse zuzuordnen, die der Aufsichtsbehörde sofort gemeldet werden müssen, damit sie gegebenenfalls in kürzester Frist Prüfungen einleiten oder Maßnahmen veranlassen kann. Hierunter fallen auch die meldepflichtigen Ereignisse, die akute sicherheitstechnische Mängel aufzeigen.

Kategorie E (Eilmeldung): In die Kategorie E sind solche meldepflichtigen Ereignisse einzustufen, die zwar keine Sofortmaßnahmen der Aufsichtsbehörde verlangen, deren Ursache aber aus Sicherheitsgründen geklärt und in angemessener Frist behoben werden muss. Dies sind zum Beispiel meldepflichtige Ereignisse, die sicherheitstechnisch potenziell - aber nicht unmittelbar - signifikant sind.

Kategorie N (Normalmeldung): Der Kategorie N sind meldepflichtige Ereignisse von geringer sicherheitstechnischer Bedeutung zuzuordnen. Diese meldepflichtigen Ereignisse gehen im Allgemeinen nur wenig über routinemäßige betriebstechnische Einzelereignisse bei vorschriftsmäßigen Anlagenzustand- und Betrieb hinaus. Sie werden erfasst und ausgewertet, um eventuelle Schwachstellen bereits im Vorfeld zu erkennen.

Internationale Bewertungsskala INES: Seit Januar 1991 werden aufgrund einer Vereinbarung zwischen den Betreibern der Kernkraftwerke und dem Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit meldepflichtige Ereignisse in Kernkraftwerken, die nach den bundeseinheitlichen Kriterien mit den Kategorien S, E und N an die Aufsichtsbehörden gemeldet werden müssen, auch nach der Internationalen Bewertungsskala auf ihre sicherheitstechnische und radiologische Bedeutung bewertet. Die Internationale Bewertungsskala INES (International Nuclear and Radiological Event Scale) wurde von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) gemeinsam mit der Nuklearenergie-Agentur (NEA) der OECD entwickelt. Sie hat eine rasche und für die Öffentlichkeit verständliche Bewertung eines Ereignisses zum Ziel.

Die Skala umfasst sieben Stufen:
1 - Störung
2 - Störfall
3 - ernster Störfall
4 - Unfall mit örtlich begrenzten Auswirkungen
5 - Unfall mit weitergehenden Auswirkungen
6 - schwerer Unfall
7 - katastrophaler Unfall

Meldepflichtige Ereignisse, die keine oder sehr geringe sicherheitstechnische oder radiologische Bedeutung haben, werden als „unterhalb der Skala” beziehungsweise „Stufe 0” bezeichnet.

Quelle:

Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg