Umwelt

Kompetenzzentrum Spurenstoffe nimmt Arbeit auf

In diesen Tagen hat das vom Umweltministerium mit 1,3 Millionen Euro geförderte „Kompetenzzentrum Spurenstoffe“ seine Arbeit aufgenommen. Das Zentrum wurde von der Universität Stuttgart in Kooperation mit der Hochschule Biberach sowie der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. Landesverband Baden-Württemberg (DWA) errichtet.

Umweltminister Franz Untersteller wies heute (5. April 2012) in Stuttgart darauf hin, dass Baden-Württemberg damit seine führende Rolle bei der Reduktion von Spurenstoffen im Abwasser weiter ausbauen werde: „Wir wissen, dass Spurenstoffe wie Arzneimittel oder hormonell wirksame Substanzen in Gewässern schon in geringen Konzentrationen nachteilige Auswirkungen auf Gewässerorganismen wie Fische oder Wasserschnecken haben können und dass viele dieser Spurenstoffe vor allem über das Abwasser in die Gewässer gelangen.“

Wegen seiner vielen kleinen, empfindlichen Gewässer und dem Bodensee, der zur Trinkwasserversorgung für beinahe die Hälfte der Bevölkerung beiträgt, habe Baden-Württemberg auch bereits seit Jahren hohe Anforderungen insbesondere an die Ablaufqualität des gereinigten Abwassers gestellt.

Den zusätzlichen Ausbau von mehreren Kläranlagen unterschiedlicher Größenordnung mit Aktivkohleadsorptionsstufen speziell zur Spurenstoffelimination habe das Land finanziell gefördert. Langjährige Erfahrungen über die gezielte Spurenstoffelimination in großtechnischen Anlagen gebe es aber noch keine. „Wir benötigen daher weitere Erkenntnisse über die Methoden, diese Spurenstoffe möglichst effektiv aus dem Abwasser beseitigen zu können“, sagte Untersteller. Dieses Wissen müsse den beteiligten Kläranlagenbetreibern, Behörden und Planern der kommunalen Abwasserreinigung auch in praxisgerechter Form zur Verfügung gestellt und diese bei der Einführung der neuen Technologien unterstützt werden. „Hierzu wird das Kompetenzzentrum einen entscheidenden Beitrag leisten“, zeigte sich Untersteller überzeugt.

Das Kompetenzzentrum wird eng mit den Kompetenzzentren in Nordrhein-Westfalen und der Schweiz zusammenarbeiten.

Prof. Dr. Heidrun Steinmetz vom Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart betonte, dass die Einrichtung des Kompetenzzentrums eine konsequente Weiterführung der bisherigen Forschungsaktivitäten der Universität sei. In verschiedenen vorangegangenen Projekten arbeiteten hier Naturwissenschaftler und Ingenieure gemeinsam auf dem Gebiet der Spurenstoffe, wobei sowohl die Identifizierung, Quantifizierung und Toxizitätsbewertung von Spurenstoffen in Abwasserströmen und Oberflächengewässern als auch die Entwicklung und Bewertung von Verfahren zur Spurenelimination Arbeitsschwerpunkte darstellen. Besonders zu erwähnen sei ein mehrstufiges Forschungsvorhaben, in dem die Eliminierung organischer Spurenstoffe in der Abwasserreinigung untersucht und verfahrenstechnisch optimiert worden sei. Diese ebenfalls vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderten Arbeiten werden derzeit in einem Projekt zur Ermittlung des Minderungspotenzials von Spurenstoffemissionen mit der Stadtentwässerung Stuttgart fortgeführt.

Prof. Dr. Helmut Kapp erinnerte daran, dass die Hochschule Biberach das Verfahren mit Pulveraktivkohle in einem Pilotprojekt auf der Kläranlage des Zweckverbandes Klärwerk Steinhäule in Ulm/Neu-Ulm erfolgreich abgeschlossen habe. Dabei wurden im Zeitraum von 2003 bis 2010 in Versuchsanlagen verschiedene mögliche Verfahrenstechniken mit Aktivkohle vergleichend untersucht, auf deren Praxistauglichkeit getestet und schließlich unter wirtschaftlichen Aspekten bewertet. Das favorisierte Verfahren zeichne sich durch eine hohe Betriebsstabilität und durch einen besonders ökonomischen Einsatz der Pulveraktivkohle aus. Nach Erarbeitung der Dimensionierungsgrundlagen wurden die Klärwerke Mannheim und Sindelfingen, sowie die im Einzugsgebiet des Bodensees liegenden Klärwerke Kressbronn/Langenargen und Espasingen/Stockacher Aach um eine Adsorptionsstufe erweitert, weitere Anlagen sind derzeit in Planung bzw. befinden sich im Bau.
Die Hochschule Biberach bringt sich in das neue Kompetenzzentrum personell mit dem Team ein, welches die gesamten Entwicklungsarbeiten bei den Ulmer Versuchen durchgeführt hat, so dass eine erfolgreiche Fortsetzung dieser Arbeiten im Rahmen des neuen Kompetenzzentrums sicher gestellt ist.

Die DWA als der für die Umsetzung von Veranstaltungen verantwortliche Partner des Kompetenzzentrums für Baden-Württemberg wird mit ihrem Engagement auf die über 40-jährige Nachbarschaftsarbeit und den Erfahrungsaustausch bauen: „Die Vernetzung der Baden-Württembergischen Anlagenbetreiber ist Voraussetzung für den Erfolg beim Thema der Spurenstoffe. Dauerhaft wird dieser Erfolg aber nur im räumlichen Bezug – mit Blick auf den Bodensee - und im fachlichen Kontext der europäischen Entwicklung beim Thema Spurenstoffe sein“, so der Landesverbandsvorsitzende Wolfgang Schanz.

Informationen

Seit rund 10 Jahren wird die Thematik der Spurenstoffe im Abwassersektor sowohl national als auch international intensiv diskutiert. Kläranlagen werden als einer der Hauptemittenten für diese Stoffe in die Gewässer angesehen. In Baden-Württemberg wurden in den letzten Jahren mehrere wissenschaftliche Projekte seitens des Umweltministeriums zur Entwicklung spezieller Untersuchungsmethoden, Studien zum Vorkommen dieser Substanzen in der Umwelt und zur Technologieentwicklung zur Entnahme von Spurenstoffen aus dem Abwasser gefördert.

Auf Grundlage der Erkenntnisse eines beim Zweckverband Klärwerk Steinhäule, Ulm/Neu-Ulm, von der Hochschule Biberach durchgeführten Forschungsvorhabens werden derzeit mehrere Kläranlagen unterschiedlicher Größenordnung in Baden-Württemberg um eine adsorptive Reinigungsstufe mittels Pulveraktivkohle erweitert. Damit nimmt Baden-Württemberg – gemessen an den landesweit an die neue Technologie angeschlossenen Einwohnerwerten – sowohl im nationalen als auch internationalen Vergleich einen Spitzenplatz bei der Umsetzung von Techniken zur Spurenstoffentfernung in Kläranlagen ein.

Allerdings ist das Fachpersonal auf Kläranlagen bisher für die Thematik der Spurenstoffe im Abwasser nicht ausgebildet worden und verfügt nicht über einen ausreichenden Erfahrungsschatz zur Umsetzung entsprechender Technologien. Auch gibt es bislang keine verbindlichen Bemessungsstandards, auf die Ingenieurbüros und Behörden bei der Dimensionierung neuer Anlagen zurückgreifen können. Es bedarf daher neuer Strukturen, die es ermöglichen, die Betriebserfahrungen der neuen Technologie zusammenzuführen sowie auftretende Fragestellungen im Zusammenhang mit der angewandten Technik unabhängig zu bearbeiten, um Kläranlagenbetreibern, Ingenieurbüros, Behörden und Firmen gezielt beraten und spezifisches Fachwissen gebündelt weiter geben zu können.

Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA) setzt sich intensiv für die Entwicklung einer sicheren und nachhaltigen Wasserwirtschaft ein. Als politisch und wirtschaftlich unabhängige Organisation arbeitet sie fachlich auf den Gebieten Wasserwirtschaft, Abwasser, Abfall und Bodenschutz. In Europa ist die DWA die mitgliedsstärkste Vereinigung auf diesem Gebiet und nimmt durch ihre fachliche Kompetenz bezüglich Regelsetzung, Bildung und Information der Öffentlichkeit eine besondere Stellung ein. Die rund 14.000 Mitglieder repräsentieren die Fachleute und Führungskräfte auf Kommunen, Hochschulen, Ingenieurbüros, Behörden und Unternehmen.

Die DWA gliedert sich regional in sieben Landesverbände. Der DWA-Landesverband Baden-Württemberg vereinigt 1.800 Mitglieder und ist eine für die Fachleute aus der Wasserwirtschaft – aus Hochschulen, Behörden, Ingenieurbüros, Betreiber und Kommunen kommend – wichtige Plattform für den Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch.

Quelle:

Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg