Kunststoffrasenplätzen

„Wir sind als Landesregierung keine Vollkaskoversicherung“

Kunstrasen mit weißem Streifen, Fußball und Menschen im Hintergrund

Rund 25 Kunstrasensportplätze werden jedes Jahr im Land erneuert. Ein Anlass, statt Kunststoffgranulat Alternativen zu verwenden, die kein Mikroplastik an die Umwelt abgeben, ist Umweltminister Franz Untersteller überzeugt. Allerdings sind umweltfreundliche Alternativen ebenso wie ein Recycling des alten Kunststoffrasens häufig teurer.

Die Rangliste beim Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt wird vom Reifenabrieb angeführt. Laut Wissenschaftlern geht es hier um 1,2 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Haben Sportplätze angesichts dieser Zahlen beim Thema Mikroplastik tatsächlich so eine Bedeutung?

FRANZ UNTERSTELLER: Doch. Gute 130 Gramm pro Kopf und Jahr ist nicht nichts. In Baden-Württemberg haben wir mindestens 1000 meist kommunale Kunststoffrasenplätze. Wir haben da ein flächendeckendes Thema, das wir angehen sollten.

Die Europäische Chemie-Agentur hat bereits ein Verbot von Kunststoffgranulaten empfohlen. Müssen die Kommunen fürchten, dass sie ihre Sportplätze alle sanieren und den Kunstrasen entfernen müssen?

Was von der EU kommt, beobachten wir. Doch darauf haben wir im Land nur bedingt Einfluss. Grundsätzlich finde ich es richtig, dass sich alle politischen Ebenen von der EU über das Land bis zur kommunalen Ebene mit dem Thema Mikroplastik auseinandersetzen. In Baden-Württemberg haben wir bereits vor zwei Jahren entschieden, dass wir keine neuen Sportplätze mit Kunststoffgranulat mehr über das Land fördern. Gemeinsam mit dem Landessportverband werben wir dafür, dass bei bestehenden Kunststoffrasenplätzen, wo das Granulat alle paar Jahre erneuert oder ergänzt werden muss, über Alternativen nachgedacht wird. Hier wollen wir Kommunen und Sportvereine sensibilisieren.

Alternativen zur Kunststoffnutzung bei Sportplätzen haben auch Nachteile, etwa bei der Haltbarkeit von Holzspänen oder Zuschlagstoffen aus organischen Fasern.

Es gibt als Ersatz nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine ganze Reihe. Ich habe mir ein Projekt in Rottenburg-Weiler angeschaut, wo der SV Weiler für den neuen Sportplatz als Füllstoff Kork genommen hat. Die sind hochzufrieden und können keine Nachteile bei der sportlichen Nutzung erkennen. Außerdem gibt es mittlerweile auch Kunststoffrasen, die überhaupt kein Füllmaterial mehr benötigen und somit auch kein Mikroplastik freisetzen. So etwas wurde beispielsweise beim TSV Notzingen umgesetzt. Außerdem gibt es auch bauliche Möglichkeiten, wie Bewässerungseinrichtungen mit Filtersystemen, die man um einen bestehenden Kunststoffrasenplatz legen kann. Mit solchen Systemen können bis zu 98 Prozent des Mikroplastiks zurückgehalten werden.

Wird es nicht sehr teuer, solche Dinge nachträglich einzubauen?

Wenn wir damit das Problem des Mikroplastiks aus dem Sport zu einem guten Teil in den Griff bekommen, dann ist das ein Weg neben anderen, um unsere Böden und Gewässer zu schützen.

Wenn ein Sportplatz saniert wird, fallen in der Regel rund 200 Tonnen Abfall an. Ein Kunststoffrasen ist kein sortenreines Material und wird meist verbrannt. Das passt nicht zu Ihrer Strategie der Wiederverwertung.

Aus unserer Sicht ist das Verbrennen nicht der richtige Weg. Die Plätze haben eine Nutzungsdauer von zwölf bis 15 Jahren. Dann wurden sie bisher abgetragen und die rund 14 LKW-Ladungen thermisch verwertet. In Baden-Württemberg werden im Schnitt etwa 25 Plätze pro Jahr erneuert. Auf dem Markt gibt es Anbieter, die diese aufgerollten Kunststoffrasenplätze zurücknehmen und sie hochwertig recyclen. Deren Anlagen sind bislang nicht ausgelastet.

Das dürfte eine Kostenfrage sein.

Ja. Es ist billiger den Kunststoffrasen thermisch zu entsorgen. Und da geht mein Appell an die Gemeinden und die Vereine, diese hochwertigen Recyclingmöglichkeiten zu nutzen.

Letztendlich entscheidet die Kassenlage aber in vielen Fällen.

Bei Neuem wird ständig nach Förderung gerufen. Da muss ich auch mal sagen: Wir sind als Landesregierung keine Vollkaskoversicherung. Förderung bedeutet Steuergelder. Da appelliere ich auch an die Eigenverantwortung von Kommunen und Sportvereinen. Wir können nicht über Nachhaltigkeitsziele reden, aber wenn es ernst wird sagen: Das machen wir nur, wenn wir gefördert werden. Im Übrigen fördern wir den Sportplatzbau auch weiterhin, allerdings nicht mehr mit Kunststoffgranulat, sondern nur mit alternativen Systemen.

Quelle: Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Stefanie Schlüter