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Klimawandel
  • 17.08.2018

„Wir müssen das Mikroklima in den Städten verbessern“

Aufgeheizte Flüsse, Probleme bei Kraftwerken, verzogene Gleise, geschmolzene Asphaltfugen auf Autobahnen und gesundheitliche Probleme sind nur einige Herausforderungen, die die Hitze der vergangenen Wochen bereithielt. Baden-Württemberg ist nach Studien besonders stark vom Klimawandel betroffen. Mit einer Anpassungsstrategie an den Klimawandel sollen unvermeidbare Auswirkungen möglichst gering gehalten werden.

Alle reden derzeit über das Wetter. Oder sollten wir doch besser vom Klimawandel sprechen?

HELMFRIED MEINEL: Die Temperaturen sind seit 1880 im Südwesten um 1,3 Grad gestiegen. Doch schaut man sich den Zeitraum genauer an, dann sieht man, dass die Temperaturen zwischen 1925 und 1990 im 30-jährigen gleitenden Mittel relativ stabil geblieben sind. Doch seit den 1990er-Jahren steigen die Temperaturen überdurchschnittlich stark an.

Baden-Württemberg hat eine Anpassungsstrategie entwickelt, um so die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels möglichst gering zu halten. Passiert da genug?

Das wird man erst hinterher sicher sagen können. Wir haben letztes Jahr eine Startbilanz zu den Anpassungsaktivitäten im Land vorgelegt, diese müssen wir nun weiterentwickeln. Obgleich wir bereits eine Menge tun, werden wir aber sicher noch mehr machen müssen, um die Kohlendioxid-Emissionen, eine wichtige Ursache des Klimawandels, weiter zu senken.

Gerade bei der Anpassungsstrategie sind viele Akteure gefordert, von den Arbeitgebern, der Landwirtschaft, der Bauwirtschaft, den Kommunen bis hin zum Bürger. Viele Maßnahmen in der Strategie sind mit „Dringlichkeit hoch“ angegeben. Ist denn die Bedeutung des Klimawandels tatsächlich schon überall in den Köpfen angekommen?

Ich glaube nicht. Man sieht ja immer nur das Wetter und beruhigt sich dann damit, dass es in diesem Jahr besonders heftig war und im nächsten Jahr alles wieder anders aussehen kann. Aber damit lügen wir uns natürlich in die Tasche.

Welche Bedeutung haben dabei die Internationalen Klimaschutzziele?

Sie sind sehr wichtig. Und noch wichtiger ist es, dass sie auch mit harten Sanktionen hinterlegt sind, wenn sie nicht erreicht werden. Sonst können wir den Druck, den wir über einen langen Zeitraum brauchen, um die Ziele zu erreichen, nicht aufbauen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem individuellen Verhalten der einzelnen Akteure. Selbstverständlich will jeder das Schlimmste vermeiden. Doch getätigt werden vor allem Investitionen, die sich in kurzer Zeit amortisieren. Investitionen, deren positive Folgen sich erst auf lange Sicht zeigen, werden aufgeschoben. Wir müssen das nachhaltige Wirtschaften mit Blick auf die nächste Generation, das wir in der Forstwirtschaft gelernt haben, letztendlich in allen Lebensbereichen in die Köpfe bekommen. Und das ist eine Aufgabe, die wir mit noch größerer Intensität angehen müssen.

Bei den hohen Temperaturen von über 30 Grad mussten die Menschen selbstverständlich trotzdem arbeiten. Arbeitgeber haben in Büros Ventilatoren aufgestellt und Eis spendiert. Wird das auf Dauer reichen oder müssen die Büros künftig mit Klimaanlagen ausgestattet werden?

Mit Klimaanlagen würden wir in Teilen den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Denn damit verbrauchen wir wieder mehr Energie, die dann wiederum zu weiterer Erhitzung führt, wenn wir keine erneuerbaren Energien nutzen. Deswegen werden wir Gebäude besser isolieren müssen und auch einen besseren baulichen Wärmeschutz vornehmen müssen. Außerdem müssen wir das Mikroklima in den Städten verbessern, also mehr Grün in die Städte bringen, auch Dach- und Fassadenbegrünung. Diese Dinge tragen dazu bei, dass die Gebäude nicht so warm werden und die Luft um die Gebäude sich nicht so aufheizt.

Essen war grüne Hauptstadt Europas. Wer dort Veränderungen am Dach vornimmt, muss auch für Begrünung sorgen. In Baden-Württemberg gab es heftige Auseinandersetzungen über die Dach- und Fassadenbegrünung bei Neubauten. Es gab laute Stimmen, die diesen Punkt aus der Landesbauordnung streichen wollten. Ist das noch zeitgemäß?

Wenn es keinen Klimawandel gäbe, müsste man sich auch keine Gedanken über Dachbegrünung machen. Aber weil es ihn gibt, war es eine gute Idee, diesen Punkt mit als Anforderung für Neubauten in die Landesbauordnung aufzunehmen. Auch ist eine Dachbegrünung nur notwendig, wenn um das Gebäude nicht bereits entsprechende Grünflächen eingeplant werden. Außerdem gibt es in begründeten Fällen Ausnahmemöglichkeiten. Wir werden künftig stärker dafür werben müssen, dass mehr Menschen von der Dach- und Fassadenbegrünung Gebrauch machen, um mehr für die Menschen und ihre Gesundheit in den Städten zu tun.

Im Moment lässt sich beobachten, dass viele Vorgärten zu Steingärten werden, weil diese pflegeleicht sind.

Das zu tun, ist keine gute Idee. Denn diese Steingärten speichern die Hitze und sind keine Oasen der Temperaturabsenkung.

Hohe Temperaturen sind das eine. Doch auch Extremwetterereignisse wie Starkregen nehmen zu. Sie lassen sich anders als Hochwasser aber nicht genau vorhersagen. Wie können sich Kommunen darauf vorbereiten?

Ereignisse wie in Braunsbach vor gut zwei Jahren werden auch in Zukunft nicht prognostizierbar sein. Die Kommunen können jedoch das Risiko senken. Dazu müssen sie beispielsweise ermitteln, wo Regenwasser hinfließt, wo Schlamm hingespült werden könnte, welche möglichen Hindernisse es gibt. Das kann auch bedeuten, dass beispielsweise ein Holzlagerplatz oder andere Dinge verlagert werden müssen, damit diese nicht für das Wasser zu einem Abflusshindernis werden. Wenn die Kommunen hier entsprechend vorbeugen, können sie auch Fördermittel erhalten.

Quelle: Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Stefanie Schlüter


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