Energie

Untersteller will Anreiz für kommunale Wärmepläne schaffen

Rohre für Wärmenetz werden verlegt

Umweltminister Franz Untersteller will zum Januar ein neues Förderprogramm für Nahwärmenetze auflegen. Eine Grundlage für die Planung solcher Netze ist der Energieatlas des Landes, der an diesem Freitag freigeschaltet wird. Darin ist neben Potenzialen von erneuerbaren Energien nun auch der Wärmebereich berücksichtigt.

Können Kommunen mit Hilfe des Energieatlasses künftig sehen, in welchem energetischen Zustand einzelne Häuser sind?

FRANZ UNTERSTELLER: Das nicht. Aber die Kommune bekommt einen Überblick über den Wärmebedarf von Wohngebäuden auf Quartiersebene und damit Anhaltspunkte über deren energetischen Zustand. Das ist eine Grundlage, wenn es darum geht, ob man ein städtebauliches Sanierungskonzept auflegen oder wo sich ein Nahwärmenetz rechnen kann.

Für wen sind diese Daten noch interessant?

FRANZ UNTERSTELLER: Sie bieten auch Grundlagen für Planer, Stadtwerke und Bürgerenergiegenossenschaften. Letztere können zum Beispiel sehen, ob es in der Stadt Quartiere gibt, in denen es sich lohnen kann, sich bei Finanzierung oder Betrieb eines Nahwärmenetzes zu engagieren.

Der Bundesrat hat am Freitag über einen Gesetzentwurf des Bundes zur Neuregelung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes beraten. Entspricht er Ihren Vorstellungen?

FRANZ UNTERSTELLER: Er geht in einer Reihe von Punkten in unsere Richtung. Allerdings sehen wir auch Nachbesserungsbedarf. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir dafür im Bundesrat Unterstützung bekommen haben. Nun hoffe ich, dass sich die Bundesregierung, insbesondere das Bundeswirtschaftsministerium, von den inhaltlichen Argumenten noch überzeugen lässt.

Zum Beispiel?

FRANZ UNTERSTELLER: Die Bundesregierung will mit Kraft-Wärme-Kopplung künftig 25 Prozent der regelbaren Netto-Stromerzeugung erzielen. Das ist aber de facto eine Verschlechterung. Denn dies wird ohne weiteren Zubau über den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung erreicht. Entweder bleibt man beim bisherigen Ausbauziel von 25 Prozent an der gesamten Nettostromerzeugung oder man setzt sich ein absolutes Stromerzeugungsziel. Ein weiteres Beispiel ist der Eigenverbrauch. Ein großes Wohnhaus wird nach der heutigen Eigenverbrauchsregelung mit 30 Prozent und ab 2017 mit 40 Prozent der Umlagen belastet. Wird die Heizungsanlage in einem solchen Wohngebäude von einem Contractor saniert, fallen für ihn 100 Prozent an. Das führt dazu, dass solche Projekte für Contractoren in Zukunft weniger interessant werden.

Baden-Württemberg hat im Juli ein Landeskonzept Kraft-Wärme-Kopplung verabschiedet. Was planen Sie in punkto Förderung?

FRANZ UNTERSTELLER: Wir wollen bis Januar ein neues Förderprogramm für Wärmenetze auflegen, ergänzend zu dem, was der Bund bereits anbietet. Damit wollen wir – anders als früher bei den Bioenergiedörfern – verstärkt Wärmenetze fördern, die auch mit industrieller Abwärme oder Solarthermie gespeist werden, so wie das in Dänemark schon seit vielen Jahren erfolgreich gemacht wird.

Gibt es dazu auch in Baden-Württemberg Beispiele?

FRANZ UNTERSTELLER: Wir haben ein gutes Beispiel in Büsingen. Es ist ein Musterbeispiel, wie eine Kommune oder Teilkommune mit einer großen Solarthermieanlage nicht komplett, aber zu einem Gutteil mit Wärme versorgt wird. Das Beispiel findet sich auch im Energieatlas. Ich hoffe, dass wir mehr solche Solarthermie-Wärmenetze bekommen werden. In Dänemark decken solche Anlagen mit saisonalen Speichern 50 bis 60 Prozent des Wärmebedarfs in einem Quartier.

Beispiel Dänemark. Dort gibt es nicht allein Nahwärmenetze mit Solarthermie sondern auch kommunale Wärmepläne. Soll es die künftig auch in Baden-Württemberg geben?

FRANZ UNTERSTELLER: Mir schwebt vor, dass wir in der kommenden Legislaturperiode ergänzend zur gebäudebezogenen Sichtweise uns verstärkt auch Quartiere anschauen. Dazu liefert der Energieatlas bereits wichtige Grundlagen. Darüber hinaus wollen wir kommunale Wärmepläne anreizen – in Dänemark sind sie übrigens verpflichtend. Das wollen wir aber nicht. Doch solche Wärmepläne sind, das hat sich in Dänemark gezeigt, eine wichtige Grundlage für Investitionsentscheidungen von potenziellen Investoren.

Wie soll so ein Anreiz aussehen?

FRANZ UNTERSTELLER: Kommunen, die kommunale Wärmepläne umsetzen, könnten zum Beispiel beim zukünftigen Förderprogramm für Wärmenetze einen Bonus erhalten. Vorstellbar wäre auch eine eigene Förderung für die Erstellung der Wärmepläne über das Klimaschutz-Plus-Programm.

Das Gespräch führte Stefanie Schlüter.

Stichwortkasten: Energieatlas wird an diesem Freitag freigeschaltet

Der Energieatlas ist die Weiterentwicklung des bisherigen Potenzialatlasses. In ihm finden mögliche Investoren, Planer und Kommunen Grundlagen zu Potenzialen für Erneuerbare-Energien-Anlagen. Sie sehen, wo sich Windkraft lohnen kann und welche Dächer für Solarenergie geeignet sind. Auch Freiflächenpotenziale sind erfasst. Neu aufgenommen wurden Strom- und Gasnetze sowie der Wärmebereich. Hier finden sich Daten und Karten zum Wärmebedarf in einzelnen Quartieren. Dies ist eine Grundlage für die Entscheidung, ob sich der Bau eines Nahwärmenetzes lohnen könnte. Außerdem sind wichtige gesetzliche Regelungen und Best-Practice-Beispiele hinterlegt. Der Atlas wird kontinuierlich weiterentwickelt.  

Quelle: Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Stefanie Schlüter