Nachhaltigkeit

Stecker ziehen, Topf zudecken

Im Interview: Dr. Andre Baumann zeigt auf, warum Nachhaltigkeit jeden angeht/Wärmenetze und Wasserstoffantriebe für die Zukunft

Mit Plastik verschmutzte Meere, heiße Sommer, milde Winter – immer mehr zeigt die Natur dem Menschen auf, dass er nicht mehr so mit dem ihm gegebenen Ressourcen umgehen kann, wie er es bislang getan hat. Spätestens seit 1992 mit der Agenda 21 wird heute darunter vor allem die nachhaltige Entwicklung als lebenswichtige globale Herausforderung verstanden.

Mit der neuen Reihe „Nachhaltigkeit und Verantwortung“ möchte die Volkshochschule in Kooperation mit dem evangelischen Diakonieverein und der evangelischen Erwachsenenbildung Rhein-Neckar-Süd nicht nur über die Zukunft nachdenken, sondern darüber, was hier und heute nachhaltiges Denken, Handeln und Verändern bedeuten kann. Zur heutigen Auftaktveranstaltung um 19 Uhr im Hebel-Haus spricht Grünen-Politiker Dr. Andre Baumann, Staatssekretär des Umweltministeriums des Landes.

Unsere Zeitung tauschte sich mit ihm über die Bedeutung von Nachhaltigkeit aus und fragte nach, was jeder selbst beitragen kann.

Herr Dr. Baumann, was bedeutet nachhaltiges Denken und Handeln?
Dr. Andre Baumann: Nachhaltigkeit ist eine Balance aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Belangen. Und unser Planet setzt uns Grenzen. Kurz gesagt: Nachhaltigkeit bedeutet enkeltaugliches Handeln. Es geht darum, verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen, damit diese und zukünftige Generationen eine lebenswerte Zukunftsperspektive haben. Die vielen tausend Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen, zeigen uns, dass sie Angst haben, dass wir die Zukunft der nächsten Generationen verspielen, wir also nicht nachhaltig arbeiten.

Die Landesregierung hat sich vorgenommen, Nachhaltigkeit zum zentralen Kriterium des politischen Handelns zu machen. Können Sie veranschaulichen, was es es damit auf sich hat?
Baumann: Dass wir darauf achten, dass unsere Politik, Ressourcen nicht abbaut, sondern erhält oder sogar vermehrt, dass wir unsere Politik danach ausrichten, dass sie gute Lebensbedingungen nicht nur für uns, sondern auch für künftige Generationen schafft. Ein Beispiel ist Ressourceneffizienz. Unsere Industrie braucht viele Rohstoffe, die es in Baden-Württemberg nicht gibt.
Damit Wirtschaft auch morgen und übermorgen floriert, sind Unternehmen gut beraten, den Rohstoffverbrauch zu senken und Rohstoffe zu recyceln. Darum kümmern wir uns.

Ein möglichst sparsamer und effizienter Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen und Rohstoffen macht den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg krisenfester und langfristig wettbewerbsfähig. Zu einer nachhaltigen Politik gehören
auch Klimaschutz und Energiewende. Wir gehen raus aus der alten Energiewelt, mit Atom und Kohle, und wir gehen in die neue Energiewelt mit Sonne, Wind und Erdwärme.

Wie kann die baden-württembergische Politik dafür sorgen, dass Wirtschaft und Nachhaltigkeit zusammengehen?
Baumann: Anders wird ein Schuh daraus: Die Vorstellung, dass Wirtschaft und Nachhaltigkeit ein Widerspruch wären, ist überholt und falsch. Ein Unternehmen, das an die Zukunft denkt, muss Ressourcen effizient einsetzen, auf neue Technologien bauen und sich einen Vorsprung verschaffen, indem es zum Beispiel auf erneuerbare Energien setzt. Wenn wir etwas tun müssen, dann den Weg dazu ebnen und gute Rahmenbedingungen schaffen. Das tun wir.

Sie sind oft bei Unternehmen zu Gast, wie sehen Sie die Wirtschaft im Land beim Thema Nachhaltigkeit aufgestellt?
Baumann: Die Unternehmen im Land haben die Vorteile nachhaltigen Wirtschaftens bereits erkannt. Sie zeigen, dass Nachhaltigkeit in der Wirtschaft erfolgreich sein kann und viele Potenziale für das Land bietet. Wir haben vor neun Jahren
die Wirtschaftsinitiative Nachhaltigkeit der Nachhaltigkeitsstrategie gestartet, um die Erfahrungen und das Wissen engagierter Unternehmen zu bündeln. Vorbildlich und nachhaltig arbeitende Unternehmen haben gemeinsam mit der Landesregierung einen Leitfaden für ein nachhaltiges Wirtschaften in Baden-Württemberg herausgearbeitet: die „WIN-Charta“. Dabei setzen wir auf Austausch, gemeinsame Strategien und Kooperationsprojekte. Nachhaltiges Wirtschaften kann zum Markenzeichen für unsere Unternehmen und unser Land werden, davon bin ich überzeugt.

Was ist das Anliegen der Landesstrategie „Ressourceneffizienz“?
Baumann: Die intelligente Nutzung knapper Rohstoffe und Energieträger ist sowohl aus ökologischer als auch ökonomischer Sicht geboten. Der globale Ressourcenverbrauch wird sich bis zum Jahr 2050 voraussichtlich mehr als verdoppeln. Das
bedeutet wachsende Umweltzerstörung, vermehrte Konflikte um knappe Ressourcen, aber auch zunehmende wirtschaftliche Unsicherheiten bei der Rohstoffversorgung. Mit unserer Landesstrategie Ressourceneffizienz wollen wir einen konzeptionellen Rahmen mit klaren Zielen für die Landespolitik schaffen. Das kommt dann unseren Unternehmen zugute.

Wie können nachhaltige Energie- und Mobilitätskonzepte in Zukunft aussehen?
Baumann: Da gibt es eine ganze Reihe an zukunftsweisenden Möglichkeiten. Beispielsweise bieten kommunale Wärmenetze eine hervorragende Möglichkeit, Wärme aus unterschiedlichen erneuerbaren Energieträgern sowie aus Abwärme nutzbar zu machen. Auch Gebäude selbst bieten großes Potenzial für nachhaltige Energiekonzepte. Spontan denke ich da an gebäudeintegrierte Photovoltaik, die sich heutzutage ganz hervorragend mit moderner Architektur kombinieren lässt.

Damit sich Elektromobilität etablieren und so zum Klimaschutz beitragen kann, brauchen wir eine intelligente Ladeinfrastruktur – nicht nur im öffentlichen Straßennetz, sondern auch in unseren Parkhäusern und Tiefgaragen. Darüber hinaus müssen wir den elektrischen Antrieb auf Basis von Wasserstoff vorantreiben. Und bei aller Beschleunigung und Technisierung sollten wir uns ab und zu ganz ursprünglichen und sehr nachhaltigen Mobilitätsformen widmen – dem Gehen oder Radeln.

Die fortschreitende Digitalisierung führt zu immer mehr Einsatz von Technologien der Informations- und Kommunikationstechnik, wie sieht es in diesem Bereich mit der Nachhaltigkeit aus?
Baumann: Die Begrenzung des IT-bedingten Energie- und Ressourcenverbrauchs ist eine der Hauptaufgaben bei der Gestaltung der Digitalisierung. Allein in der Landesverwaltung hat der IT-Bereich einen geschätzten Anteil von rund 30 Prozent am gesamten Stromverbrauch.

Damit verbraucht die IT des Landes genauso viel Strom wie 25 000 Haushalte. Die Landesregierung hat sich daher vorgenommen, die IT insgesamt energieeffizienter und ressourcenschonender zu gestalten und die Landesstrategie „Green IT 2020“ entwickelt. Sie enthält Maßnahmen und Empfehlungen, wie IT-Nutzung und IT-Beschaffung der öffentlichen Verwaltung in den nächsten Jahren stärker an ökologischen Kriterien ausgerichtet werden können.

Wie kann jeder Bürger einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten?
Baumann: Nachhaltig handeln kann jede und jeder – und das sogar rund um die Uhr. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass unsere Erde nicht grenzenlos belastbar ist. Wer das verstanden hat, ist auf dem richtigen Weg. Manchmal reichen ein paar neue Handgriffe oder ein paar geänderte Gewohnheiten, um aus einem normalen Alltag einen nachhaltigen zu machen. Wir können den Stecker aus der Dose ziehen, beim Wasserkochen den Topf zudecken, das Auto stehen lassen und mit dem Fahrrad fahren. Wir können gemeinsam nutzen statt nutzlos verbrauchen. Wir können reparieren statt wegwerfen.

Quelle: Schwetzinger Zeitung; Interview: Volker Widdrat