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Naturschutz
  • 21.08.2018

„Ich weiß nicht, wo die Zahl 1000 herkam“

Staatssekretär Andre Baumann erklärt, wieso der Wald am Rheindamm nicht mal aus Naturschutzgründen die beste Lösung ist

Wenn er als Experte bezeichnet wird, gibt sich Andre Baumann bescheiden. Dabei ist er nicht nur Staatssekretär im Landesministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft. Der studierte Biologe war auch in zahlreichen Umweltverbänden aktiv. Von 2007 bis 2016 hatte er sogar den Landesvorsitz des baden-württembergischen Nabu inne. Über Flüsse, Auen und Naturschutz spricht er wie ein leidenschaftlicher Wissenschaftler, dem es darum geht, das große Ganze zu erklären. Die RNZ wollte eine klare Antwort auf die Frage, wieso für die Sanierung des Mannheimer Rheindamms 1000 Bäume gefällt werden müssen.

> Herr Baumann, es ist verwirrend. Die einen Wissenschaftler sagen, Bäume haben auf Deichen nichts verloren. Andere Fachleute behaupten, Bäume würden Deiche stabilisieren. Was ist denn nun richtig?
Die Mehrheitsmeinung aus der Wissenschaft lautet: Bäume auf Dämmen sind gefährlich.

> Heißt das, die anderen liegen falsch?
In der Wissenschaft folgt auf eine Hypothese immer eine Gegenthese. Das war schon beim Rauchen so. Damals war sich die Mehrheit der Fachwelt einig: Rauchen ist gefährlich. Es gab auf der Gegenseite aber auch Studien, die zeigen wollten, dass Rauchen keinen Einfluss auf die Zahl der Lungenkrebspatienten hätte. Wichtig ist, dass es zu Streitfragen einen Diskurs gibt. Dem wollen wir uns als Umweltministerium auch stellen. Es geht nämlich gerade in Mannheim letztendlich um Menschenleben.

> Also gibt es den Kahlschlag am Rheindamm?
Ich weiß nicht, wo die Zahl 1000 plötzlich herkam. Aber glauben Sie mir: Waldflächen zu erhalten, ist unser Ziel. Ich komme aus Schwetzingen und war am Rheindamm schon oft joggen. Bei so heißem Wetter gehe ich auch lieber in den Wald. Ich kenne sogar die Baumbestände am Deich. Eine dicke alte Eichenart befindet sich dort, mit dem europäischen Heldbock auch eine vom Aussterben bedrohte Käferart.

> Aber es geht um Menschenleben.
Ja, wir denken vom Katastrophen-Szenario aus. Man kann beobachten, dass das Bewusstsein für Hochwasser abnimmt, wenn Menschen fünf bis sieben Jahre keines erlebt haben. Wir betreiben nicht Hochwasserschutz um des Hochwasserschutzes Willen. Wir wollen Mensch und Industrie vor unvorhersehbaren Folgen schützen. Mannheim ist sensibel, weil die Stadtteile in die Flussaue hineingesetzt wurden. Das sagen ja schon die Namen „Rheinau“ oder „Neckarau“. Bei der Flussbegradigung vor 150 Jahren haben wir dem Vater Rhein Flächen abgetrotzt und Siedlungen gebaut.

> Man gibt dem Fluss also jetzt, wie es im Fachjargon heißt, neue „Rückhalteflächen“?
Nein, das ist in Mannheim nicht der Fall. Dort wird der Damm ertüchtigt, das heißt auf den neusten Stand der Technik gebracht. In Philippsburg dagegen gewähren wir dem Rhein einen neuen Rückhalteraum. Im Elisabethenwörth fluten wir ein Stück Waldfläche, um dem Fluss Platz zu schaffen.

> In Philippsburg fluten Sie Waldfläche, in Mannheim soll sie abgeholzt werden. Sie waren doch in so vielen Umweltverbänden – sind Bäume nicht wichtig für den Naturschutz?
Natürlich sind sie das! Paragraf 9 des Landeswaldgesetzes besagt: Eingriffe in Wälder müssen vermieden werden...

> Das werden sie ja aber nicht.
...wenn nicht außergewöhnliche Situationen einen Eingriff in den Waldbestand notwendig machen. Wenn in Mannheim der Deich bricht, sind Tausende Menschen und die gesamte Industrie entlang des Rheins in Gefahr. Im Badnerlied gibt es nicht umsonst die Strophe „Drum grüß ich dich...in Mannheim die Fabrik.“

> Dass Mensch und Fabrik geschützt werden müssen, ist schön und gut. Aber Mannheim strotzt ja nicht gerade vor grünen Erholungsflächen.
Das klingt jetzt vielleicht etwas paradox, aber: Für den Naturschutz kann mancher langweiliger Wald schlechter sein als eine große, bunte Wiese.

> Das müssen Sie erklären.
Statt der Bäume am Rheindamm werden artenreiche Wiesenfelder mit Kurpfälzer Saatgut entstehen, das kann ich versprechen. Auf den neuen Dünen entsteht ein geschützter Wiesenbereich, mit 40 bis 50 Pflanzenarten pro Quadratmeter. Ein baumfreier Damm kann naturschutzrechtlich spannender und wertvoller sein als der Wald. Das ist Verpflichtung.

> Das klingt nach einem aufwendigen Projekt.
Die Maßnahme in Mannheim ist rund 13 Millionen Euro teuer, das Land Baden-Württemberg lässt sich die Sanierung und Renaturierung des Mannheimer Rheindamms einiges kosten. Wir brauchen Wälder, das ist korrekt. Aber das ganz große Ziel am Ende heißt Hochwasserschutz.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung – Heidelberger Nachrichten, Sebastian Blum


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