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Naturschutz
  • 08.02.2018

Der Wolf kommt: Aufklärung schon im Kindergarten

Wie soll man damit umgehen, dass der Wolf zurück ist in der Region? Der Naturschutz-Chef im Umweltministerium, Karl-Heinz Lieber, setzt auf sachliche Information und praktischen Schutz. Interview mit Reto Bosch, Heilbronner Stimme.

Widdern, Sersheim, Nordschwarzwald: Die Wolfsnachweise im Land mehren sich. Daraus ist eine Diskussion entstanden, wie mit dem Rückkehrer umgegangen werden soll. Viele Bürger sehen Gefahren, Landwirte fürchten um ihre Tiere. Karl-Heinz Lieber, Naturschutz-Chef im Umweltministerium, betont, dass die Risiken für Menschen sehr gering seien. Und am Schutz für Nutztiere werde gearbeitet.

Herr Lieber, sind Sie beim Joggen schon einem Wolf begegnet?

KARL-HEINZ LIEBER: Nein, ich selbst noch nicht, und es ist auch höchst unwahrscheinlich, dass es zu einer Begegnung kommt. Wir haben im Moment Hinweise auf zwei Wölfe in Baden-Württemberg. Zum einen ein Tier, das ursprünglich aus Niedersachsen stammt. Zum anderen hat sich herausgestellt, dass der Wolf, der in Sersheim eine Ziege gerissen hat, aus der italienischen Population stammt. Wir wissen nicht genau, wie viele Wölfe derzeit hier leben, aber es sieht so aus, als schauten sich junge Wölfe auf der Suche nach Lebensraum in Baden-Württemberg um. In der Regel ist es so, dass sich drei bis fünf Jahre nach den ersten Sichtungen auch Rudel bilden können. Und wir hatten 2015 die ersten Funde.

Welche Regionen eignen sich besonders?

KARL-HEINZ LIEBER: Wölfe benötigen große, ruhige Gebiete. In Baden-Württemberg kommen dafür vor allem Schwarzwald und Schwäbische Alb infrage. Erwachsene Wölfe können sich aber zeitweise auch mal in der Nähe menschlicher Siedlungen aufhalten, dichter besiedelte Regionen sind aber sicher nicht bevorzugtes Rückzugsgebiet. Während der Aufzucht benötigen sie aber schon große, ruhige Gebiete.

Wie sieht es mit Stromberg und den Löwensteiner Bergen aus?

KARL-HEINZ LIEBER: In den Löwensteiner Bergen könnte es im Zusammenhang mit dem Schwäbisch Fränkischen Wald durchaus sein, dass sich Wölfe dort ansiedeln. Der Stromberg liegt allerdings mitten in einem dicht besiedelten Gebiet. Aber auch dort ist es nicht auszuschließen, dass sich Wölfe aufhalten. Eine Rudelbildung im Stromberg halte ich persönlich aber für nicht sehr wahrscheinlich.

Viele Menschen sagen: Wir sind 150 Jahre gut ohne Wolf ausgekommen. Warum sollten wir jetzt die ganzen Konflikte in Kauf nehmen? Was sagen Sie diesen Menschen?

KARL-HEINZ LIEBER: Dass wir ihre Sorgen und Befürchtungen ernst nehmen. Ein Problem ist, dass wir alle nicht mehr gewohnt sind, mit dem Wolf umzugehen. Eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit soll viele Fragen beantworten: Wie ist seine Biologie? Was sind seine Verhaltensweisen? Was sind die Risiken?

Und was sind die Risiken?

KARL-HEINZ LIEBER: Für den Menschen ist das Risiko sehr gering. In den vergangenen 50 Jahren ist es in ganz Europa nicht vorgekommen, dass Wölfe aktiv und massiv gegen Menschen vorgegangen sind. Wenn, dann lag die Ursache in der Tollwut − eine Krankheit, die es in Deutschland nicht gibt. Oder Menschen haben die Raubtiere angefüttert. Dennoch kann man nicht ganz ausschließen, dass ein Wolf einen Menschen attackiert. Dies löst in Verbindung mit der fehlenden Erfahrung im Umgang mit den Raubtieren Unsicherheit aus.

Reicht verstärkte Öffentlichkeitsarbeit aus? Müsste nicht schon vom Kindergartenalter an über den Wolf und die richtigen Verhaltensweisen aufgeklärt werden?

KARL-HEINZ LIEBER: Es ist ganz wesentlich, dass wir in der Bildung anfangen. Kinder müssen wieder in Verbindung mit der Natur gebracht werden. Der Umgang mit dem Wolf muss sich normalisieren, indem man in Kindergärten und Schulen, in Fortbildungsveranstaltungen für Betreuer und Lehrer sachliche Aufklärungsarbeit leistet.

Wurden die ersten Schritte unternommen?

KARL-HEINZ LIEBER: Für Schulen und Kindergärten gibt es momentan noch keine harten Konzepte. Das werden wir aber jetzt im Zuge der Erweiterung des seit 2014 vorliegenden Handlungsleitfadens angehen. Auch in der Bildungsarbeit des Naturschutzes wird der Wolf eine Rolle spielen. Das braucht seine Zeit, bis es in die Fläche kommt.

Es gibt Regionen in Deutschland, in die der Wolf schon längst zurückgekehrt ist. Aber auch in Sachsen beispielsweise ist der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern noch immer sehr tief. Warum polarisiert dieses Tier so sehr?

KARL-HEINZ LIEBER: Das hat mit Märchen, aber auch mit der Geschichte des Wolfes in Mitteleuropa zu tun. Es gab Zeiten, da traf der Riss eines Nutztieres Familien existenziell. Da entstand eine starke Konkurrenz. Vielleicht hat man in manchen Bundesländern auch zu früh eine Willkommenskultur ausgerufen − noch nicht ahnend, in welch vielfältiger Form Managementaufgaben auf uns zukommen. In Baden-Württemberg wollen wir das anders machen. Wir verharmlosen nichts, werden aber mit aller Konsequenz Probleme angehen. Dazu gehört, dass man gegen verhaltensauffällige Wölfe vorgeht, bis hin zum Abschuss. Das ist im Übrigen auch heute schon möglich. Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen hat für uns ganz hohe Priorität. Und wenn das so auch wahr genommen wird, kann man viel sachlicher über das Thema sprechen.

Gibt es in Deutschland Erfahrungen mit solchen Abschüssen?

KARL-HEINZ LIEBER: Bislang gab es einen Abschuss. In Niedersachsen wurde ein verhaltensauffälliger Wolf getötet. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde er zuvor angefüttert. Die Folge war, dass er sich immer wieder nachhaltig Menschen genähert hat.

In Widdern und in Sersheim wurden Schafe und eine Ziege gerissen. Müssen sich Nutztierhalter an solche Ereignisse gewöhnen?

KARL-HEINZ LIEBER: Das kann der Beginn einer Entwicklung sein. Normalerweise stehen auf der Speisekarte des Wolfes Rehe, Rotwild oder Wildschweine. Priorität für ihn hat die Jagd im Wald. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass er sich auch Nutztiere holt. In Baden-Württemberg sprechen wir dabei von sechs Schafen und einer Ziege.

Wie reagiert das Land darauf?

KARL-HEINZ LIEBER: Im Handlungsleitfaden sind Schutzmaßnahmen enthalten. In gefährdeten Bereichen stellen wir kostenlos geeignete Zäune zur Verfügung. Da es derzeit nur wenige Wölfe im Land gibt, macht es keinen Sinn, alle Nutztierhalter damit auszustatten. Wir führen auch das Herdenschutzprogramm fort und binden dabei die Tierhalter mit ein.

Wie werden Tierhalter entschädigt?

KARL-HEINZ LIEBER: Wenn es zu Verlusten kommt, steht ein Fonds zur Verfügung, der von mehreren Verbänden getragen und zu 70 Prozent vom Land finanziert wird. Das geht ganz unbürokratisch, ohne dass die Halter bestimmte Schutzmaßnahmen nachweisen müssen. Der Ausgleich erfolgt zu 100 Prozent. Wir sehen aber natürlich auch, dass mit dem Tod von Schafen oder Ziegen nicht nur finanzielle Werte verloren gehen.

Wenn Schafhalter aufgeben: Gerät dann die Landschaftspflege in Gefahr?

KARL-HEINZ LIEBER: Die Landschaftspflege liegt uns sehr am Herzen, weil damit die Artenvielfalt verbunden ist. Wir haben uns unabhängig vom Wolf bemüht, die schwierige Situation für die Tierhalter zu verbessern. Sie bekommen zum Beispiel Geld über die Landschaftspflegerichtlinie.

Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) setzt auf Herdenschutzhunde. Im Osten Deutschlands funktioniert das. Aber ist das Risiko im dichter besiedelten Baden-Württemberg nicht zu groß? Die Veterinäre haben schon Bedenken angemeldet.

KARL-HEINZ LIEBER: Es ist ist richtig, die Sicherung mit Herdenschutzhunden ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und lässt sich nicht schnell umsetzen. Eine korrekte Umzäunung mit Elektrozäunen halten wir für eine schnelle und wirksame Maßnahme. Wir arbeiten daran, auch in Steillagen wolfssichere Zäune zu etablieren. Herdenschutzhunde sind sicher eine Option für professionelle Betriebe.

Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) will den Bestand regulieren. Können dafür die rechtlichen Möglichkeiten geschaffen werden?

KARL-HEINZ LIEBER: Eine Bejagung zum Bestandsschutz setzt zunächst einen Bestand voraus. Wie gesagt, im Moment gehen wir von zwei Wölfen in Baden-Württemberg aus. Dann ist das sehr schwierig und ein langwieriger Prozess. Der Wolf könnte erst dann gejagt werden, wenn er aus dem Artenschutz der europäischen FFH-Richtlinien herausgenommen würde. Die EU-Kommission hat aber deutlich gemacht, dass die Bejagung für sie derzeit kein Thema ist.

Welche Strafen drohen, wenn man illegal einen Wolf tötet?

KARL-HEINZ LIEBER: Das ist eine Straftat. Möglich ist eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren.

Das Ökosystem in Deutschland ist aus den Fugen geraten. Hilft der Wolf, dieses wieder in Ordnung zu bringen?

KARL-HEINZ LIEBER: Damit würden wir ihn überfordern. Der Wolf als geschützte Art kommt zurück. Unsere Aufgabe ist es, das bestmöglich zu managen im Interesse des Artenschutzes, der Nutztierhalter und des Sicherheitsbedürfnisses der Menschen. Verhindern können wir die Rückkehr des Wolfes nicht.

Quelle: Heilbronner Stimme, Reto Bosch